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Gastkommentar

Der Spruch «Wir sind eh alle gläsern» geht nicht mehr

Wir gehen zwar offener um mit unserer Geheimnissen und geben mehr preis von uns selbst als früher. Aber die Privatsphäre bleibt ein schützenswertes Gut. Deshalb sollten wir bewusster umgehen mit unserer Offenheit.
Susanne Wille
Susanne Wille ist seit 2001 bei SRF (Moderation «10vor10»). Sie ist Mitglied des News Projektteams, das sich mit der Entwicklung der Nachrichtensendungen befasst.

Susanne Wille ist seit 2001 bei SRF (Moderation «10vor10»). Sie ist Mitglied des News Projektteams, das sich mit der Entwicklung der Nachrichtensendungen befasst.

«Ich liebe Richard Nixon.» – «Ich habe mal einen Tag damit verbracht, Frösche zu töten.» – «Ich möchte einmal aufwachen und einfach sagen können, es geht mir gut.» – Drei Geheimnisse von drei Menschen. Ich komme gleich darauf zurück. Zuerst komme ich zu dem Mann, der aufgedeckt hat, wie die mächtigen Geheimdienste dieser Welt hinter unsere Geheimnisse kommen, weil die Überwachungssysteme tief in unsere Privatsphäre vordringen können. Derzeit lese ich gerade die aktuelle Biografie von Edward Snowden. An keiner anderen Recherche biss ich mir als Journalistin mehr die Zähne aus als bei Snowden. Ich wollte damals in Erfahrung bringen, was die NSA auf Schweizer Boden gemacht hatte. Denn auf Snowdens Spionageliste war auch der Name eines Schweizer Bürgers. Ich sprach mit Snowdens Anwälten, mit der Bundesanwaltschaft, mit Politikerinnen und Politikern. Aber auflösen konnte ich die Geschichte nicht. Viel Schweigen. Die Luft ist dünn, wenn es um Geheimdienstfragen geht.

Spannend ist für mich die grundsätzliche Frage aber nach wie vor: Wie verletzlich ist sie, die Privatsphäre angesichts der Spionagetätigkeiten und Überwachungsapparate (siehe auch China). Wie viele Geheimnisse kennen sie? Was macht das mit der Gesellschaft? Damit verknüpft ist aber auch noch ein anderer Aspekt: Wie viele Geheimnisse geben wir mit der modernen digitalen Vernetzung selber preis?

Wie leichtfertig lassen wir andere in unsere Privatsphäre eindringen?

Wie so oft schafft es bei dieser Debatte die Kunst, Zeitströmungen wahrzunehmen und Verschiebungen im Zusammenleben sichtbar zu machen. In den USA lernte ich in diesem Jahr Sarah Newman kennen. Ihr Ziel: Via Kunst einen neuen Blick auf die Digitalisierung zu schaffen. Bei einem ihrer Projekte – «The Future of Secrets» – hat sie eine Maschine kreiert, die uns auffordert, ein Geheimnis preis zu geben. Man drückt "Enter" und schickt anonym den Satz in den digitalen Raum. Kurz darauf druckt die Maschine das Geheimnis eines anderen Menschen aus. Das eigene Geheimnis wird – ein Algorithmus bestimmt das, – irgendwann bei einer anderen realen Person ausgedruckt. Heisst: Für jedes Geheimnis spuckt die Maschine das Geheimnis von jemand anderem aus. (So wie die Beispiele am Anfang dieser Kolumne.)

Das Bekenntnis wird von der bekennenden Person getrennt. Die Beichte von der beichtenden Person. Diese Entkoppelung ist ein Zeichen der Zeit. Wir öffnen uns Maschinen, ohne letztlich genau zu wissen, was mit unseren Daten passiert, wohin und an wen sie gehen, wie sie verknüpft werden. Wir schreiben E-Mails, kommunizieren via Whatsapp, teilen uns via Social Media mit. Netzwerkeffekt inklusive, Plattformen werden umso wertvoller, je mehr Leute sie nutzen.

Wir wissen: Die EU will die Tech-Giganten vermehrt unter die Lupe nehmen, hat den Datenschutz verschärft. Wir wissen auch: Das Schweizer Datenschutzgesetz – in einer Zeit verabschiedet, wo es weder I-Phone noch Social Media gab, – wird nun revidiert. Doch: Wir befassen uns hier eben nicht nur mit einer gesetzlichen, sondern auch mit einer gesellschaftlichen Frage.

Wem vertrauen wir? Wie oft machen wir uns Gedanken über unsere Datenspuren?

Wie verletzlich machen wir uns selber im digitalen Raum? Achtung: Nur, weil wir selber insgesamt offener umgehen mit der eigenen Privatsphäre, verwirken wir nicht das Recht, dass unsere Privatsphäre geschützt wird. Aber ich plädiere für einen bewussteren und ehrlicheren Umgang mit unserer Offenheit. Die Zeiten sind vorbei, in denen man einfach sagen konnte: «Meine Datenspur ist mir egal.» – "Wer nichts zu verbergen hat, muss auch nichts befürchten.» – «Gläsern sind wir doch eh alle». So machen wir es uns zu einfach.

Denn die Privatsphäre ist ein schützenswertes, hohes Gut. Edward Snowden rüttelte die Welt auf, indem er die Systeme der Massenüberwachung publik machte. Nun beschreibt er in seiner Biografie, was es heisst, wenn die Privatsphäre im Versteck radikal zusammenschrumpft. Verlässt er in seinem russischen Exil das Haus, verändert er das Aussehen, er variiert jedesmal das Schritt-Tempo und die Länge der Schritte. Seine Geschichte hat eine Debatte angestossen, die wir nicht leichtfertig auf die Seite schieben dürfen, weil sie am Anfang steht von einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit unserem eigenen Umgang mit Daten und Geheimnissen.

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