Gastkommentar

Der Verkauf des Sonntags

Am siebten Tag sollst du ruhn. Tun wir aber nicht, gerade an den verkaufsoffenen Sonntagen rund um die Festtage. Ist der Sonntag zum Tag geworden, von dem wir zu viel erwarten?

Margrit Stamm
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Margrit Stamm ist Prof. em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungsiwssenschaft und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Aarau.

Margrit Stamm ist Prof. em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungsiwssenschaft und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Aarau.

Der Montag gilt als schlechtester Tag der Woche, der Sonntag als der schwierigste. Singles, geschiedene Väter oder alleinstehende Ältere bringt er zum Nachdenken, wie sie der einsam machenden Zeit davonlaufen könnten. Für Pärchen und Familien ist der Sonntag ein anderer Drahtseilakt. Weil man nichts muss, aber vieles kann, soll dieser Tag effizient genutzt werden. Und damit sich keine Langeweile einstellt, nutzt man auch Angebote, die man beiseite lassen könnte.    Beispielsweise die verkaufsoffenen Sonntage rund um die Festtage. Sie machen zwar den Einzelhandel froh wegen der übermächtigen Online-Konkurrenz und manchmal auch die Kundschaft, weil am Sonntag eingekaufte Geschenke die Arbeitswoche entlasten. Aber auch trotz dieser Optimierung kann er das Wohlbefinden bedrohen.

Obwohl der Sonntag manchmal nervt, freuen sich fast alle Menschen auf ihn.

 In der Bibel heisst es: «Am siebten Tag hatte Gott sein Werk vollendet und ruhte von aller seiner Arbeit aus. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn zu einem heiligen Tag.» Heilig ist er heute wegen des Ausschlafens, des Entschleunigens und des Abarbeitens von To-Do-Listen, deshalb sind die Kirchen leer und die Warenhäuser voll.

Schon die ganze Woche steht der Sonntag im Fokus. Bereits am Donnerstag wünschen wir uns ein schönes Wochenende, in der Hoffnung, es möge sich dann alles Erwartete erfüllen. Der Sonntag soll Quality-Time sein und optimal genutzt werden, damit auch das schlechte Gewissen verschwindet, weil man wieder zu viel gearbeitet und das Privatleben vernachlässigt hat. Folglich wird das Sonntagsprogramm bis zum Platzen gefüllt mit Aktivitäten, vom gigantischen Sonntagsfrühstück mit Kiwis, French Toast oder Butterzopf bis zum Tatort-Krimi, der in vielen Haushalten das Sonntagabendritual schlechthin darstellt. Zwischendurch joggt man eine Runde durch den Wald, geht ins Lieblingscafé oder lanciert für die Kinder ein Unterhaltungsprogramm, probiert die neuesten Rezepte aus und macht noch einen schnellen Besuch bei den Eltern oder zumindest ein Telefonat. Und schliesslich sollte auch noch Zweisamkeit drinliegen oder vielleicht sogar etwas Me-Time.

Manchmal gelingt es, das Programm durchzuziehen, oft aber auch nicht. Und schon ist sie da, die Sucht nach dem nächsten optimierten Sonntag. Am Montagmorgen blickt man dann in all die erschöpften Gesichter im Pendlerverkehr, die sich vom Sonntag erholen. Und die Kinder, überfordert vom Programm der Zeit, müssen von Lehrerinnen und Lehrern zuerst resettet werden, damit sie überhaupt mit dem Unterricht beginnen können.

In meiner Kindheit war der Sonntag der langweiligste und am meisten gehasste Tag der Woche. Schon am Morgen wusste man, dass es einen Sonntagsbraten und Ananas aus der Dose zum Mittagessen geben würde, die Mutter schlechte Laune hatte, weil der Vater zu viel Parisiennes rauchte, und man am Nachmittag auf dem Spaziergang die Sonntagskleider ausführen musste. Keine Abwechslung, sich selbst ertragen, zu viel Ruhe – furchtbare Momente. Ich wartete immer sehnlichst auf den Montag, bis das Leben wieder begann.

Heute ist der Sonntag als «Sonntagssyndrom» gut beforscht. Besser Qualifizierte gelten als besonders betroffen davon und Männer häufiger als Frauen. Manche Männer blicken dem Sonntag sogar mit Unwohlsein entgegen, wenn sie wieder da sind, die Belastungsgefühle, nichts beruflich Produktives tun zu können, und die Angst vor dem Stress der neuen Woche. Dann steht der Leistungsdruck im Zentrum, in der Freizeit hängen Körper und Psyche durch.

Der Sonntag kränkelt, weil wir zu viel von ihm erwarten.

Auch wenn wir in der Vorweihnachtszeit Geschenke einkaufen, am Weihnachtsmarkt einen Glühwein trinken und uns zwischen den Jahren irgendeiner Freizeitaktivität hingeben, sollten wir dem Sonntag etwas mehr Ruhe gönnen. Schliesslich ist er die klassische Form des Dazwischen, das jedes Gebäude braucht, damit es nicht einstürzt. Pausenlosigkeit ist gefährlich. Wir könnten uns deshalb über eine neue Sonntagskultur und Rituale Gedanken machen, in der ein paar Zeitinseln zum Nichtstun und auch Langeweile Platz haben.

Die Suche danach muss ja nicht gleich sein, was Wencke Myhre in ihrem Schlager beschwört: «Ein Sonntag im Bett/ist gemütlich und nett/und wer das nie erlebt/hat sein Leben nie gelebt.»