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Deutsch, die ungeliebte Sprache – zu Recht?

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Mario Andreotti

Die deutsche Sprache hat keinen sehr guten Ruf. Sie gilt als schwierig, ja als eine der schwierigsten Sprachen der Welt und erst noch als unelegant, für manche sogar als hässlich. Dieser schlechte Ruf des Deutschen ist nicht etwa ein Produkt unserer Tage, nicht einmal eine Folge von Mark Twains Wiener Vortrag von 1897, den er unter dem Titel «Die Schrecken der deutschen Sprache» hielt. Der schlechte Ruf ist viel älter, hat eine lange Geschichte, die bis in die althochdeutsche Zeit, also bis ins Frühmittelalter, zurückreicht. Das Wort «deutsch» (Ahd.: diutisk) meinte zunächst nicht eine bestimmte Nationalsprache, sondern die Sprache des einfachen, wenig kultivierten Volkes – ganz im Gegensatz zum eleganten Latein des gebildeten Klerus. Noch heute hat die Aussage «Dem habe ich es auf Deutsch gesagt» einen leicht grobschlächtigen Klang.

Die Vorstellung, Deutsch sei eine ungehobelte Sprache, zieht sich durch die ganze Geschichte. Gott habe deutsch gesprochen, aber nur, um Adam und Eva mit polternder Stimme aus dem Paradies zu jagen, soll ein Spanier am Hof des polnischen Königs Sigismund II. im 16. Jahrhundert verkündet haben. Und aus dem gleichen Jahrhundert ist von Kaiser Karl V. ein nicht minder abwertendes Wort überliefert: «Ich spreche spanisch zu Gott, italienisch zu den Frauen, französisch zu den Männern und deutsch zu meinem Pferd.»

Noch schlechter kam die deutsche Sprache im 17. und 18. Jahrhundert weg: Das Französische war damals beim deutschen Adel nicht nur Diplomatensprache, Sprache des gesellschaftlichen Umgangs, sondern verbreitete sich auch im Bürgertum, wo die Kinder von frühester Jugend an dazu erzogen wurden, mit ihren Eltern und untereinander französisch zu sprechen, während die Muttersprache Deutsch auf den Verkehr mit dem Gesinde beschränkt blieb. Selbst der preussische König Friedrich II. verfasste seine Abhandlung über die deutsche Literatur im Jahr 1780 nicht etwa deutsch, sondern französisch; und dies ganz einfach deshalb, weil er sich des Deutschen schämte. Das Werk trägt denn auch den Titel «De la littérature allemande». Nicht viel anders geht heute die EU mit der deutschen Sprache um: An jedem Werktag, mittags um zwölf Uhr, laden ihre Kommissare zur Pressekonferenz. Journalisten aus 28 Ländern stellen Fragen auf Englisch oder Französisch. Fragen auf Deutsch, der dritten offiziellen Verfahrenssprache, freilich nur auf dem Papier, sind nicht erwünscht.

Dabei hat die deutsche Sprache ihren schlechten Ruf, ja ihr Schattendasein nicht verdient. Keine andere indogermanische Sprache besitzt die Fähigkeit wie das Deutsche, Wörter mühelos miteinander zu kombinieren oder mit Hilfe von Silben abzuleiten. Für das einfache deutsche Kompositum «stundenlang» benötigen das Englische wie auch das Französische und Italienische bis zu vier Wörter: for hours and hours, pendant des heures, per ore ed ore. Die Fähigkeit, auf einfachste Art Komposita zu bilden, macht die deutsche Sprache wendig und trägt zu ihrem grossen Wortschatz bei, der je nach Zählweise über 500 000 Wörter umfasst, beinahe 200 000 Wörter mehr als das Französische und Italienische. Und wenn an der deutschen Sprache immer wieder bemängelt wird, sie bestehe fast nur noch aus Lehn- und Fremdwörtern, dann gilt der gleiche angebliche Mangel noch in verstärktem Masse auch für das Englische, das im Laufe seiner Geschichte wie ein sprachlicher Staubsauger Unmengen an Lehnwörtern aufgenommen hat, sodass heute nur noch ein Viertel des englischen Wortschatzes angelsächsischen Ursprungs ist.

Man kann gegen das Deutsche einwenden, was man will; eines lässt sich nicht leugnen, dass es eine hochdifferenzierte Sprache ist. Das zeigt sich nicht nur an ihrem grossen Wortschatz, sondern ebenso sehr an ihrem variantenreichen Satzbau, der es uns ermöglicht, feinste Bedeutungsunterschiede auszudrücken. Tragen wir daher, bei aller Wertschätzung sprachlicher Kreativität, Sorge zu unserer Sprache, denn sie ist letztlich die Grundlage unserer Identität.

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