Dorers nächster Halt

Die 2-Fränkler-Schwemme

Chefredaktor Christian Dorer ist einmal monatlich mit dem Regionalbus Lenzburg unterwegs. In dieser Kolumne erklärt er, warum er den Billettverkauf im Bus als Bereicherung sieht und wie schwierig es ist, stets genügend Wechselgeld dabei zu haben.

Christian Dorer
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Die Kasse – seit Jahrzehnten im Einsatz.

Die Kasse – seit Jahrzehnten im Einsatz.

Zur Verfügung gestellt

Die Chauffeure des Regionalbus Lenzburg (RBL) sind auch Billettverkäufer. Am Wochenende läuft das Geschäft besonders gut, weil dann mehr Gelegenheitsfahrer als Pendler unterwegs sind.

Jeder Chauffeur hat seine eigene Münzkasse, die er bei Arbeitsbeginn einbaut. Sie besteht aus je einer Säule für die sieben Münzarten, vom Fünferli bis zum Fünfliber. Oben kann man die Münzen reinschieben, durch Runterdrücken eines Hebels rollt unten das Retourgeld heraus.

Diese mechanische Kasse ist seit den Anfängen des RBL in den 1970er-Jahren dieselbe geblieben – im Gegensatz zum Billettgerät. Heute funktioniert alles per Touch-Screen,
Daten über verkaufte Billette werden automatisch in die Zentrale übermittelt, Ende Monat überweise ich die Einnahmen dem RBL. Verkaufsprovision gibt es nicht, und wenn ich mich beim Retourgeld verrechne, so trage ich den Schaden.

Ich bin dafür verantwortlich, immer genug Wechselgeld dabei zu haben. Und da gibt es eine Konstante: Es geht nie auf. Von welchen Münzen ich zu viel habe und von welchen zu wenig, hängt von den aktuellen Tarifen ab. Seit der letzten Preiserhöhung fehlt es mir ständig an
20-Räpplern – wohl deshalb, weil das oft gelöste 1-Zonen-Ticket, halber Preis, 2.60 Franken kostet.

Früher kostete dasselbe Ticket 2 Franken. Da hatte ich 20-Räppler im Überfluss, aber zu wenig 1-Fränkler. Im Dezember werden die Tickets erneut aufschlagen – mit noch unabsehbaren Folgen auf meinen Münzhaushalt.

Noch grösseren Einfluss darauf haben die Fahrgäste. Besonders liebe ich jene, die

  • ihr Kurzstreckenbillett mit einer 200-Franken-Note zahlen; ich verbrauche dann auf einen Schlag einen schönen Teil meines Wechselgelds.
  • mir strahlend einen Haufen Münzen hinknallen mit der Bemerkung: «Das können Sie sicher brauchen.» Ja, kann ich, bloss fahre ich Verspätung ein, bis ich das alles gezählt habe.
  • ihre Kreditkarte zücken – «sorry, geht nicht» – und dann genervt den Kopf schütteln.

Ich selber empfinde den Billettverkauf als Bereicherung, habe ich doch so zusätzlich Kontakt zu den Fahrgästen. Und es kann auch mal ein Schatz zum Vorschein kommen: Vor Jahren stieg eine ältere Frau in Lenzburg ein und löste ein Billett nach Seengen.

Sie bezahlte mit verschiedenen Münzen, die auf den ersten Blick wie glänzendes Spielgeld aussahen. Am Abend erinnerte ich mich daran, kramte sie aus der Kasse und warf einen zweiten Blick darauf: Die Münzen trugen die Jahrgänge 1930, 1939, 1944 und 1965! Sie stammten also aus Zeiten, in denen die Münzen noch aus Silber und deshalb heller waren.

Ich habe sie bis heute aufbewahrt. Meinen Überschuss an Zweifränklern hingegen bringe ich jeweils wieder in Umlauf – indem ich nach meinem Busfahrertag mit Bergen von Münz zahle. Sorry, liebe Coop-Kassiererin!

Christian Dorer ist Chefredaktor der Aargauer Zeitung. Er hat den Car-Ausweis und fährt in seiner Freizeit einmal pro Monat beim Regionalbus Lenzburg.