Die Infektionszahlen auf Rekordkurs: Die Massnahmen müssen zielgerichtet bleiben

Bruno Knellwolf
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Wie auf einen Fiebermesser starrt die Schweiz täglich auf die neuen Infektionszahlen. Und diese steigen im Moment in schwindelerregende Höhen wie noch nie seit Ausbruch der Pandemie.

Was nun? Erst mal: Disziplin und Ruhe bewahren. Und sicher nicht den Anstand verlieren. Das allerdings geschieht in der Coronadiskussion immer häufiger. Gegenüber Wissenschaftern, die harte Massnahmen empfehlen, wie zum Beispiel die Genfer Uni-Professorin Isabella Eckerle, wie auch gegenüber Journalisten, welche die Analysen der Forscher unter die Menschen bringen. Mit den zunehmenden Fallzahlen und neuen Einschränkungen ist zu befürchten, dass das irre Toben im Internet nicht nachlassen wird. Die Bevölkerung und die Behörden sollten sich von den Ausfälligkeiten einer lauten Minderheit aber nicht beeindrucken und ablenken lassen und sachlich nach Wegen suchen, wie die Schweiz den Winter am besten überstehen kann.

Darüber darf dann leidlich gestritten werden. Immer noch ist zu vieles um Sars-CoV-2 ungeklärt, als dass sich jemand zum allwissenden Propheten aufspielen könnte. Niemand kennt die absolut richtigen Strategien. Diese gilt es immer wieder den neusten Erkenntnissen anzupassen und so auszugestalten, dass die Gesundheit geschützt wird und zugleich die volkswirtschaftlichen und sozialen Schäden nicht ins Unermessliche wachsen lassen. Ein zweiter nationaler Lockdown ist nicht möglich.

Die erforderliche Flexibilität ist anspruchsvoll. Denn schon bei den Fallzahlen geht es los. Gemeldet werden jene, die in einem Test positiv getestet werden. Das waren vergangene Woche im Durchschnitt elf Prozent der Getesteten, beinahe so viel wie im Frühling. Da viele Menschen, welche mit dem Virus in Kontakt gekommen sind, aber keine Symptome zeigen, gehen Infektiologen von einer Dunkelziffer Faktor 6 aus. Hochgerechnet bei einer Infektionszahl von 1000 pro Herbsttag ergibt das beinahe 200000 Ansteckungen pro Monat. Da stellt sich die Frage, ob dieser Masse mit dem Mittel des Contact-­Tracings tatsächlich begegnet werden kann. Wer handeln will, hat allerdings kaum eine andere Möglichkeit. Nur wenn lokale Hotspots erkannt und bekämpft werden, besteht überhaupt die Möglichkeit, ein Überschwappen auf das ganze Land zu verhindern. Ob das gelingt, ist allerdings ungewiss.

In Panik zu verfallen, wäre aber falsch. Der Anstieg der Infektionen im Herbst ist bei Atemwegserkrankungen nichts Aussergewöhnliches. Einfach zuzuschauen und abzuwarten, geht auch nicht, dafür ist das Virus im Einzelfall zu gefährlich. Aktionen müssen zielgerichtet sein. Zum Beispiel sollten sie sich nicht pauschal gegen Grossveranstaltungen richten, nur um ein Zeichen zu setzen. Denn wer schon mal die Gelegenheit eines Stadionbesuchs hatte, hat gesehen, dass nirgends sonst die Massnahmen so diszipliniert eingehalten werden. Geht man danach in die Stadt, findet man schon die eine oder andere Bar mit Gästen, die von Corona noch nichts gehört zu haben scheinen. Noch grösser ist die Sorglosigkeit bei privaten Anlässen. Man kennt sich und kommt sich nahe. Die billigsten Massnahmen wie Hygiene und Distanz werden nicht mehr eingehalten. Ohne Angst zu schüren, muss hier an die Eigenverantwortung appelliert werden. Lieber aufs Händeschütteln verzichten, statt wieder alle Veranstaltungen zu verbieten.

Einige Winterstrategien wie gutes Lüften der Innenräume, Homeoffice wo möglich und eine Prophylaxe, wie man sie auch gegen Grippe macht, sind unumstritten. Wissenschaftlich nicht ganz klar ist der Nutzen der Masken; am richtigen Ort eingesetzt, haben sie ihre Schutzfunktion. Ganz vertreiben werden wir das Coronavirus vorerst nicht. Die Hoffnung ruht auf Covid-19-Impfstoffen, von denen einige seriöse Anwärter schon recht weit sind. Diesen Winter wird damit wohl noch nichts. Und wenn die Impfstoffe kommen, braucht es die Bereitschaft, diese auch anzuwenden, um eine flächendeckende Wirkung zu erzielen. Da hapert es bei einigen noch. Eine andere langfristige Strategie ist aber nicht am Horizont. Solidarität wird weiterhin gefragt sein.