#Maturtortur

Die Rolle unserer Lehrer: Schluss mit dem Theater!

Kolumnist und Kantonsschüler Patrick Züst steckt mitten in den mündlichen Maturitätsprüfungen. Zeit für eine Hommage an die heimlichen Helden dieser Aufführung - die Lehrer.

Patrick Züst
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«Ein Kantilehrer wird dann zum interessanten Charakter, wenn er Mut zu Mängeln hat», schreibt Patrick Züst. (Symbolbild)

«Ein Kantilehrer wird dann zum interessanten Charakter, wenn er Mut zu Mängeln hat», schreibt Patrick Züst. (Symbolbild)

Keystone

Die Kantonsschulzeit ist ein Drama in vier Akten. Mit den mündlichen Maturitätsprüfungen gehen diese Woche die finalen Szenen über die Bühne. Als Protagonisten dieses Stücks versuchen wir Maturanden seit bald vier Jahren herauszufinden, ob wir Teil einer Tragödie oder einer Komödie sind.

Die Darsteller kennen wir unterdessen natürlich bestens. Wer aber die heimlichen Helden der Aufführung sind, das wird uns erst jetzt so richtig bewusst. Wir haben sie in den vergangenen Wochen nicht nur in den Büchern gefunden, welche wir für die mündlichen Prüfungen lesen, sondern auch in den Klassenzimmern. Es sind unsere Lehrer. Nach 31 #MaturTortur-Kolumnen und der einen oder anderen kritischen Äusserung wird es jetzt Zeit für eine Hommage.

Lehrer sind nicht allwissend, haben keine Superkräfte und kommen – abgesehen von einigen kantiinternen Stilikonen – auch nicht im Kostüm zur Schule. Wenn der Begriff «Held» mit einer perfekten Plastik und hautengen Latexanzügen assoziiert wird, ist das banal und langweilig. Ein moderner, literarischer Held zeichnet sich vor allem durch seine mehrschichtigen Charakterzüge, seinen enormen Einsatz und seine richtungsweisende Stellung im Stück aus.

Es hat lange gedauert, bis wir genau dieses Heldenpotenzial in unseren Lehrern entdeckt haben. Während sie sich zu Beginn noch als fast profillose Wissensvermittler präsentierten, haben sie sich uns gegenüber immer mehr auf einer persönlichen Ebene geöffnet. So zeigen sie sich unterdessen nicht mehr mit einer glatten Oberfläche, sondern mit charakteristischen Ecken und Kanten. Das macht sie interessant und zum Thema von so mancher Erzählung.

Ein Kantilehrer wird dann zum interessanten Charakter, wenn er Mut zu Mängeln hat, wenn er Persönliches preisgibt, wenn er mit seinen Schülern bis am frühen Morgen um die Häuser ziehen kann und danach noch immer von ihnen ernst genommen wird.

Etwas mehr als eine Woche bewegen sich meine Lehrer noch in diesem Graubereich zwischen Freund und Feind, Mensch und Maschine, Held und Statist. Mit dem Wechsel vom «Sie» zum «Du» werden sie nach der Maturafeier aus diesem Käfig ausbrechen. Zumindest ein Teil von ihnen wird mich wohl auch in meinem nächsten Lebenskapitel noch begleiten. Gespannt bin ich aber vor allem, in welcher Rolle sie dann auftreten werden.