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Gastkommentar

Die Saat der Islamisten geht auf

Zum Zusammenhang zwischen rechtsextremer und islamistischer Gewalt
Felix. E. Müller
Felix E. MüllerDer Publizist war USA-Korrespondent und Chefredaktor der «NZZ am Sonntag».

Felix E. Müller
Der Publizist war USA-Korrespondent und Chefredaktor der «NZZ am Sonntag».

Die Fälle häufen sich, in den USA, aber auch andernorts im Westen: Junge weisse Männer in schwarzen Overalls betreten einen öffentlichen Raum – eine Shopping Mall, eine Moschee – und erschiessen mit einem Sturmgewehr wahllos Menschen. Beim jüngsten Vorfall in El Paso, Texas, starben 22 Menschen; erst im März mussten nach dem Massaker in einer Moschee von Christchurch, Neuseeland, 51 Opfer gezählt werden. Es ist ein beunruhigender Trend, der sich da zeigt. Gemäss Angaben des Centers for Strategic and International Studies nehmen in den USA terroristische Attacken von Rechtsextremisten seit zehn Jahren stetig zu und haben sich zwischen 2016 und 2017 vervierfacht.

Warum aber wissen wir überhaupt, dass es sich bei den Tätern um Rechtsextremisten handelt? Hinweise geben zunächst Äusserlichkeiten: ihr Alter und Aussehen und ihre Kleidung oder die Wahl der Opfer. Und den Attentätern ist es ein Anliegen geworden, dass über ihre Motive keinerlei Zweifel aufkommt. Fast alle haben vor der Tat Manifeste im Internet aufgeschaltet, in denen sie ihr Handeln erklären und Interpretationshilfen für die Medien liefern wollen. Oft holen sie darin weit aus, gehen in die Geschichte zurück, etwa zu den Kreuzzügen, und argumentieren mit demografischen Entwicklungen oder Geburtenquoten von Ausländern.

Die neuen Rechtsextremisten wollen sich einen intellektuellen Anstrich geben

Damit unterscheiden sich diese Terroristen von ihren Vorgängern. Linksterroristen haben sich stets um eine theoretische Abstützung ihres Handelns bemüht, während Rechtsextremisten als primitive Gewalttäter galten. Der Ku-Klux-Klan etwa zündete einfach Kirchen der Schwarzen an oder ermordete sie durch Erhängen, ohne dass er die Notwendigkeit verspürt hätte, diese Lynchmorde noch weiter zu begründen.

Den neuen Rechtsextremisten genügt dies nicht mehr. Sie wollen sich einen intellektuellen Anstrich geben und so den Eindruck eines reflektierten Vorgehens erwecken. Darin zeigt sich der grosse Einfluss, den französische Publizisten und Schriftsteller auf den modernen Rechtsextremismus ausüben. Autoren wie Alain de Benoist, Jean Raspail oder Renaud Camus haben diesen theoretisch fundiert und zu einem einigermassen homogenen Gedankengebäude gemacht, bis hin zu den fatalen Konsequenzen: Der Romanciers Jean Raspail etwa verherrlichte den bewaffneten Kampf gegen farbige Flüchtlinge, die an den Küsten Europas landen würden.

Auch ein anderer Theoretiker des heutigen Rechtsextremismus verdankt diesen Franzosen viel. Anders Breivik startete 2011 sein Massaker in Norwegen erst, nachdem er ein 1500-seitiges Manifest verfasst hatte. Dieses ist zu einer Art Bibel für Rechtsextremisten geworden. Sowohl der Attentäter von Christchurch wie derjenige von El Paso stützen ihr krudes Gedankengebäude stark auf diese Vorlage ab.

Auffallend ist nun die strukturelle Ähnlichkeit dieser Szene mit derjenigen der Islamisten. Auch diese begehen ihre sinnlosen Massenmorde auf der Basis eines einheitlichen Weltbilds. Hier befindet sich der Westen generell im Visier. Dieser muss bekämpft werden, weil dessen Werte als Bedrohung für die eigene Lebensweise empfunden werden. Die Stellung der westlichen Frau etwa stellt eine Gefahr für konservative islamische Gesellschaften dar, die auf einer Unterdrückung der Frau in politischer, wirtschaftlicher und sexueller Hinsicht basiert. Höhepunkt dieses islamistischen Kampfes gegen den Westen stellten die Attentate von 9/11 dar, die im Westen den ersten Schub antiislamischer Reflexe auslösten. Diese haben sich mit den Grossattentaten von Paris oder London massiv verstärkt, wovon sich eine direkte Linie bis hin zu Christchurch ziehen lässt. Und auch zu El Paso: Denn hier wurde der Immigrant aus Mexiko zur Zielscheibe, weil es kaum Muslime in Texas gibt.

Der Einfluss des radikalen Islams auf den Westen wird deutlich

Wir sehen heute folglich immer klarer, welch tiefgreifenden Einfluss der radikale Islam auf die westlichen Gesellschaften ausgeübt hat. Er stärkte die politische Rechte, gab rechtextremistischen Kreisen Auftrieb (bis in die Fussballstadien der Schweiz) und schwächte mit dem Aufstieg der fremden- und islamfeindlichen Populisten in westlichen Ländern die Demokratien ein Stück weit von innen.

Nur scheinbar paradox wirkt dabei die Tatsache, dass die konkrete Gefahr durch den IS dramatisch gesunken ist. 2019 hat sich in Europa bis heute kein islamistisches Attentat ereignet; insgesamt gehen im Westen mittlerweile mehr Tote auf das Konto der Rechtsextremisten als das der Islamisten. Damit rückt nun die Radikalisierung in diesem Lager ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Dieser Sumpf konnte sich lange Zeit ziemlich ungestört ausbreiten, weil sich die Polizei primär auf den Kampf gegen die radikalen Islamisten konzentrierte.

Dies ändert sich nun. Zumindest so lange es zu keinen neuen islamistischen Grossattentaten in Europa oder den USA kommt, dürfte die Diskussion um den Rechtsextremismus die Schlagzeilen dominieren. Das ist, angesichts des Gewaltpotenzials in diesen Kreisen, mehr als überfällig. Für Rechtsparteien ist das keine gute Nachricht, weil sie vom Antiislam sehr profitiert haben, wie etwa die Minarettinitiative oder die Debatten um Burkaverbote in der Schweiz zeigen. Mit jedem neuen Massenshooting verliert dieses Thema an Zugkraft. Das sollte aber nicht zur Illusion führen, die Gefahr des radikalen Islam sei vorbei. Der IS bleibt eine Bedrohung für die Sicherheit in westlichen Ländern. Der Rechtsextremismus stellt einen zusätzlichen Risikofaktor dar, was die Sicherheitskräfte zusätzlich herausfordert. Für diese heisst es im Kampf gegen den gewalttätigen Extremismus fortan: Das eine (besser) tun und das andere nicht lassen.

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