Per Autostopp um die Welt (106)

Die Sprache der Inkas ist vom Aussterben bedroht: "Meine Kinder sprechen ausschliesslich Spanisch"

In Woche 106 auf seiner Reise um die Welt reist Thomas Schlittler mit seiner Freundin von Huaraz (Peru) nach Cusco (Peru).

Thomas Schlittler
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Kinder in Cusco üben einen Volkstanz für das bevorstehende Stadtfest. Die Quechua-Sprache, ein wichtiger Bestandteil der Inka-Kultur, beherrschen aber immer weniger Kinder.

Kinder in Cusco üben einen Volkstanz für das bevorstehende Stadtfest. Die Quechua-Sprache, ein wichtiger Bestandteil der Inka-Kultur, beherrschen aber immer weniger Kinder.

Thomas Schlittler

In der peruanischen Stadt Cusco, der einstigen Hauptstadt des Inka-Reiches, wimmelt es von Touristen. In den engen Gassen sind Sprachen aus allen Weltgegenden zu hören. Doch ausgerechnet Quechua, die Sprache der Inkas, wird immer seltener gesprochen. Die Unesco stuft die Quechua-Sprachfamilie – es gibt 44 verschiedene Varianten – als gefährdet ein. Die Zahl der Sprecher nimmt Jahr für Jahr ab. Stattdessen kommunizieren die Indigenas auf Spanisch.

In Cusco – und auch an vielen anderen Orten Perus – sind traditionell gekleidete Inka-Frauen nach wie vor ein fester Bestandteil des Stadtbilds.

In Cusco – und auch an vielen anderen Orten Perus – sind traditionell gekleidete Inka-Frauen nach wie vor ein fester Bestandteil des Stadtbilds.

Thomas Schlittler
Doch der Eindruck täuscht: Quechua, die Sprache der Inkas, ist vom Aussterben bedroht.

Doch der Eindruck täuscht: Quechua, die Sprache der Inkas, ist vom Aussterben bedroht.

Thomas Schlittler

Wie schnell diese Entwicklung voranschreitet, zeigt das Beispiel von Pedro, der meine Freundin Lea und mich nach Cusco bringt. Der 38-jährige Lastwagenfahrer erzählt uns: „Mit meinen Eltern kommuniziere ich in einer Mischform aus Spanisch und Quechua. Meine vier Kinder dagegen können kein Quechua. Sie sprechen ausschliesslich Spanisch.“
Pedro ist ein klassischer Fall: Er ist in Pasco aufgewachsen, einer Region in den Anden auf über 4000 Metern über Meer. Hier hat Quechua traditionell noch eine grössere Bedeutung und ist auch eine offizielle Amtssprache. Auf der Suche nach Arbeit ist Pedro vor einigen Jahren aber in die Hauptstadt Lima gezogen. Und im wirtschaftlichen Zentrum des Landes wird offiziell nur Spanisch gesprochen. Pedro: „Für meine Kinder gibt es deshalb keinen Grund, Quechua zu lernen.“

Kinder in Cusco üben einen Volkstanz für das bevorstehende Stadtfest. Die Quechua-Sprache, ein wichtiger Bestandteil der Inka-Kultur, beherrschen aber immer weniger Kinder.

Kinder in Cusco üben einen Volkstanz für das bevorstehende Stadtfest. Die Quechua-Sprache, ein wichtiger Bestandteil der Inka-Kultur, beherrschen aber immer weniger Kinder.

Thomas Schlittler
Pedros Kinder, die in der Hauptstadt Lima aufwachsen, beherrschen im Gegensatz zu ihrem Vater ausschliesslich Spanisch.

Pedros Kinder, die in der Hauptstadt Lima aufwachsen, beherrschen im Gegensatz zu ihrem Vater ausschliesslich Spanisch.

Thomas Schlittler

Gemäss der Publikation „Ethnologue“, welche die Verbreitung von Sprachen erfasst, gibt es heute weniger als 8 Millionen Quechua-Sprecher. Vor rund zehn Jahren war noch von 9 bis 10 Millionen die Rede. Die genaue Zahl weiss aber niemand. Denn viele Indigenas schämen sich für ihre Sprache und verschweigen, dass sie Quechua sprechen.
Um diese Scham zu verstehen, muss man bis in die Kolonialzeit zurückgehen: Die Spanier waren seit ihrer Ankunft die Stärkeren, die Erfolgreicheren, die Reicheren. Die spanische Sprache steht deshalb in Südamerika bis heute für Macht und wirtschaftlichen Erfolg. Quechua dagegen gilt als die Sprache der Bauern, der Armen, der Verlierer. „Wenn in einer Schulklasse gefragt wird, wer Quechua spricht, bleiben deshalb die meisten Hände unten – obwohl zu Hause viele Quechua sprechen“, sagt Esteban, unser Trekking-Guide.

Esteban, unser Trekking-Guide, kennt viele Indigenas, die sich dafür schämen, Quechua zu sprechen.

Esteban, unser Trekking-Guide, kennt viele Indigenas, die sich dafür schämen, Quechua zu sprechen.

Thomas Schlittler

Weil Quechua negative Assoziationen hervorruft, haben Leute wie unser Fahrer Pedro kein grosses Interesse daran, dass ihre Kinder die Sprache ihrer Vorfahren erlernen. Schliesslich wünschen sie sich für ihre Kinder, dass sie Karriere machen und gesellschaftlich aufsteigen. Und dazu muss man in Südamerika Spanisch sprechen. Dass damit ein wichtiger Bestandteil der eigenen Kultur und Identität verloren geht, nehmen viele in Kauf.
„Aber das ist doch traurig, nicht wahr?“, frage ich Pedro. Seine knappe Antwort: „Ja, aber so ist es halt.“ Er sagt das ziemlich gleichgültig. Er hat die Entwicklung längst akzeptiert. Dabei ist es ein schwacher Trost, dass Quechua keine Ausnahme ist: Sprachwissenschafter gehen nämlich davon aus, dass von den weltweit 6000 bis 7000 existierenden Sprachen im Verlaufe des 21. Jahrhunderts mehr als die Hälfte verschwinden werden.
Spanisch dürfte nicht dazugehören – auch wenn man von den Strassenverkäufern, Hostelangestellten und Kellnern in Cusco fast immer auf Englisch angesprochen wird.

Letzte Woche gab's nur das A bis Z und keine aktuellen Bilder. Der Grund: Wir machten von Huaraz aus eine viertätige Trekkingtour in die peruanischen Anden, genauer gesagt in die Cordillera Blanca.
19 Bilder
Zu den folgenden Fotos muss ich nicht allzu viele Worte verlieren. Die Bilder sprechen für sich, denke ich ...
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Das ist die Aussicht vom höchsten Punkt, den wir auf unserer Wanderung erreichen: 5100 Meter über Meer. Lea und ich waren noch nie höher.
Das tägliche Wander-Pensum ist eine Herausforderung, aber machbar.
Mehr zu schaffen macht uns, dass wir unsere wunderschönen Schlafplätze nicht wirklich geniessen können.
Die Nächte sind zwar sternenklar.
Aber auch bitterkalt.
Wir haben mit der Kälte zu kämpfen.
Gegen die Kälte nützen auch die drei Esel nichts, die den Grossteil unseres Gepäcks schleppen.
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Am dritten Tag wird unsere Route aber zu schwierig für die Esel und wir müssen mehr Kilos schultern.
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Es sind definitiv nicht die gemütlichsten vier Tage unserer Reise.
Aber für solche Panoramen lohnen sich die Strapazen.
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Und dank unserer tollen Guides Esteban und Leonardo schaffen wir es wieder heil hinunter ins Tal.

Letzte Woche gab's nur das A bis Z und keine aktuellen Bilder. Der Grund: Wir machten von Huaraz aus eine viertätige Trekkingtour in die peruanischen Anden, genauer gesagt in die Cordillera Blanca.

Thomas Schlittler
Unsere Woche beginnt in Huaraz. Die Stadt ist ein beliebter Ausgangspunkt für Trekkingtouren in den peruanischen Anden (siehe Bildergalerie oben).
17 Bilder
Von Huaraz nach Catac: Miguelino kann nichts damit anfangen, als wir ihm sagen, dass wir aus der Schweiz kommen. Er scheint das Land nicht zu kennen.
Von Catac nach Conococha: Ganz im Gegensatz zu Paul (z.v.r.). Der Ingenieur hat mal ein Jahr in Lichtenstein gelebt.
Von Conococha nach Lima: Herlinda's Ehemann Aldo ist ein Franzose mit italienischen Wurzeln, der seit acht Jahren in Peru lebt. Der Mann ist schon ziemlich viel rumgekommen.
Von Lima nach Punta Negra: Pedro und Roberto sind gerade auf dem Weg an den Strand. Sie sind peruanische Surferboys.
Von Punta Negra nach Chilca: Dank dem kleinen Leonardo und seinem Spielzeug-Dinosaurier wissen wir jetzt, dass der Tyrannosaurus Rex auch auf Spanisch so heisst.
Von Chilca nach San Clemente: Alvaro redet nicht viel, dafür lässt er tolle Musik laufen. Und er gibt Gas.
Von San Clemente nach Ica: Absalon nennt sich Johnny. Er wollte uns bereits an der Mautstelle in Chilca mitnehmen. Doch als er vom WC zurückkehrte, sassen wir bereits bei Alvaro im Auto.
Von Ica nach Nasca: Dieser schweigsame LKW-Fahrer heisst auch Johnny. Am Ende der Fahrt fragt er uns plötzlich aus. Der Grund_Er will seiner Freundin Dania, die er uns vorstellt, etwas über uns erzählen können.
Von Nasca nach Puquio: Adrian freut sich sichtlich über jedes Nutella-Brötchen, das ich ihm streiche (ja, in Peru gibt es einigermassen anständiges Brot!).
Wir kommen mit Adrians LKW zwar nur sehr langsam voran. Aber dafür bietet die kurvenreiche Fahrt etwas fürs Auge ...
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Von Puquio nach Abancay: Wilson nimmt uns kurz vor Sonnenuntergang mit - und kurvt uns mit seinem LKW weitere 300 Kilometer durchs Gebirge.
Pedros Kinder, die in der Hauptstadt Lima aufwachsen, beherrschen im Gegensatz zu ihrem Vater ausschliesslich Spanisch.
Für die 180 Kilometer von Abancay nach Cusco brauchen wir aber geschlagene 8 (!) Stunden.
Wir kommen deshalb zum dritten Mal in dieser Woche erst nach Sonnenuntergang an unserem Zielort an. Aber wir wollen nicht klagen!

Unsere Woche beginnt in Huaraz. Die Stadt ist ein beliebter Ausgangspunkt für Trekkingtouren in den peruanischen Anden (siehe Bildergalerie oben).

Thomas Schlittler