Per Autostopp um die Welt (77)
Die USA, das Land der vereinigten Verschwörungstheoretiker

In der 77. Woche reiste Thomas Schlittler in Kalifornien von Los Gatos nach Los Angeles. Dabei traf er auf Verschwörungstheoretiker, die ihm weismachen wollten, dass Obama Muslim ist oder die Polwanderung Schuld am Klimawandel sind.

Thomas Schlittler
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Ed: 'Die globale Erwärmung wird nicht von den Menschen verursacht, sondern von der Polwanderung. Die US-Regierung verschweigt das bewusst.'
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Per Autostopp um die Welt Woche 77
John sagt, dass alle früheren Mitarbeiter von Hillary Clinton, die sich negativ über sie geäussert haben, kurze Zeit später auf mysteriöse Weise umgekommen seien.
Kim hat keinen Zweifel daran, dass hinter der Ermordung von John F. Kennedy CIA, FBI und Secret Service steckten.

Ed: 'Die globale Erwärmung wird nicht von den Menschen verursacht, sondern von der Polwanderung. Die US-Regierung verschweigt das bewusst.'

Thomas Schlittler

Ed ist ein Glücksfall: Er nimmt meine Freundin Lea, unsere Kollegin Patrizia und mich nicht einfach nur mit, er spielt auf dem Highway One, der sich der kalifornischen Pazifikküste entlangschlängelt, auch noch Fremdenführer für uns.
Der 60-Jährige erzählt von seiner Familie, die schon seit vielen Jahrzehnten in Kalifornien lebe und hier grosse Landflächen besitze. Einer seiner Vorfahren, Edwin Stanton, sei im Amerikanischen Bürgerkrieg gar Abraham Lincolns Kriegsminister gewesen. Wir sind erstaunt, sehen aber keinen Grund, an Eds Aussagen zu zweifeln. Auch als er uns von seiner Arbeit als Geologe erzählt, hören wir lange Zeit aufmerksam und interessiert zu.
Erst beim gemeinsamen Abendessen beginnen wir, Eds Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Der Grund ist ein Brief, den er der US-Regierung geschrieben hat. In dem Schreiben, das uns Ed zeigt, weist er darauf hin, dass er mit seinen Messungen eine Verschiebung der Erdplatten sowie eine Wanderung der Pole festgestellt habe.
Seine Schlussfolgerung: Der Klimawandel beziehungsweise die globale Erwärmung wird nicht von den Menschen verursacht, sondern von dieser Polwanderung. „Die US-Regierung verschweigt das bewusst, weil sie nicht will, dass das Volk in Panik gerät. Denn die Verschiebung der Pole lässt sich nicht aufhalten. Deshalb sagt man den Menschen, dass die globale Erwärmung von uns verursacht wird – und dass wir etwas dagegen tun können. Doch das ist Quatsch.“

Von Los Gatos nach Santa Cruz: Die erste volle Autostopp-Woche zu dritt beginnt mit Helena, einer aufgestellten, nach Kalifornien ausgewanderten Schwedin
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Von Santa Cruz nach Sand Dollar Beach: Sozialarbeiter Dave ist eines der Highlights der Woche. Erstens sind Lea und Patrizia begeistert von seinen Augen
Zweitens lädt er uns zum Abendessen in einem mexikanischen Restaurant ein
Und schliesslich fährt uns Dave auch noch zu einem Strand, an dem wir ungestört zelten können
Wie es sich als Gentleman gehört, überlasse ich den Mädels das Zelt und schlafe auf einer Matratze im Freien
Sand Dollar Beach nach Carmel Highlands_Weiter geht es mit Immobilienmakler Bill. Er macht eine kurze Tour durch Monterey und Carmel mit uns
Von Carmel Highlands nach Notleys Landing_Bei Surferboy Stewart sitzen wir nur ganz kurz im Auto. Er schenkt uns zum Abschied zwei Dosenbier
Ed: 'Die globale Erwärmung wird nicht von den Menschen verursacht, sondern von der Polwanderung. Die US-Regierung verschweigt das bewusst.'
Trotzdem ist Ed ein toller Gastgeber. Zuerst zeigt er uns einen Strand mit wunderschönen Felsformationen
Dann führt er uns zu einem Wasserfall, der beinahe direkt ins Meer plätschert
Und schliesslich bringt er uns zu einem Aussichtspunkt, von dem aus wir sehen, wie das Nebelmeer und der Pazifik miteinander verschmelzen
Am Ende besteht Ed gar noch darauf, uns die Nacht im Motel zu bezahlen. Er beschert uns also einen unvergesslichen Autostopp-Tag auf dem Highway One
Von San Simeon nach Morro Bay_Am nächsten Morgen werden wir von einem öffentlichen Bus mitgenommen
Busfahrer Alan stellt uns den anderen Passagieren als die 'Kids from Switzerland' vor
Von Morro Bay nach San Luis Obispo_Tennis-Fan Mike teilt uns mit, dass Stan Wawrinka sein erstes Gruppenspiel an den World-Tour-Finals verloren habe
Von Arroyo Grande nach Nipomo_Auch wenn es auf dem Foto nicht so aussieht_Jordan scheint etwas nervös zu sein, als er uns mitnimmt
Kim hat keinen Zweifel daran, dass hinter der Ermordung von John F. Kennedy CIA, FBI und Secret Service steckten.
Von Santa Barbara nach Los Angeles_Rolando wiederum kümmert sich nicht um Politik_'Mein Leben ändert sich dadurch nicht.'

Von Los Gatos nach Santa Cruz: Die erste volle Autostopp-Woche zu dritt beginnt mit Helena, einer aufgestellten, nach Kalifornien ausgewanderten Schwedin

Thomas Schlittler

Ich habe noch nie von der Polwanderung gehört. Eine kurze Google-Recherche zeigt aber, dass auch seriöse Institutionen und Untersuchungen bestätigen, dass sich die Pole verschieben und die Kontinente eines Tages in anderen Klimazonen liegen könnten. Dass die globale Erwärmung in erster Linie vom Mensch verursacht ist, wird dadurch aber nicht in Frage gestellt. Die Tatsache, dass bereits zahlreiche Zeitungen und Wissenschaftsmagazine über die Polwanderung berichtet haben, beweist zudem, dass diese Informationen alles andere als geheim sind – und dass Ed ein typischer Verschwörungstheoretiker ist.
Damit ist der Geologe in bester Gesellschaft. Ich bin in den zwei Monaten in den USA so vielen Verschwörungstheoretikern begegnet wie nirgends sonst: In einer Bar treffe ich auf zwei Typen, die davon überzeugt sind, die westlichen Industrieländer würden gezielt islamisiert. Für meinen Fahrer Joe steht fest, dass Obama Muslim ist und nicht in den USA geboren wurde. John erzählt mir, dass alle früheren Mitarbeiter von Hillary Clinton, die sich negativ über sie geäussert haben, kurze Zeit später auf mysteriöse Weise umgekommen seien. Und Lehrer Kim, der uns nach Santa Barbara fährt, hat keinen Zweifel daran, dass hinter der Ermordung von John F. Kennedy CIA, FBI und Secret Service steckten.

Ed findet es nicht lustig. Und auch wir sind etwas traurig: Denn nach dem gemeinsamen Abendessen zweifeln wir an allem, was uns Ed am heutigen Tag erzählt hat. Selbst an seine spannende Familiengeschichte und den Vorfahren in Lincolns Diensten mögen wir nicht mehr so richtig glauben.