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Gastkommentar

Die Zukunft der Demokratie sind die Jungen – doch 2015 gingen zwei Drittel der 18- bis 24-Jährigen nicht wählen

Die Demokratie ist nicht mehr auf dem Vormarsch. Sie scheint eher in Bedrängnis. In der Schweiz fühlen wir uns in einer komfortablen Situation. Unser politisches System scheint uns etwas Selbstvrerständliches. Doch nichts ist selbstverständlich, sagt unsere Kolumnistin Susanne Wille.
Susanne Wille
Susanne Wille ist seit 2011 beim Schweizer Fernsehen. Sie ist auch Mitglied des News-Projektteams, das sich mit der Entwicklung der Nachrichtensendungen befasst.

Susanne Wille ist seit 2011 beim Schweizer Fernsehen. Sie ist auch Mitglied des News-Projektteams, das sich mit der Entwicklung der Nachrichtensendungen befasst.

War es der Mord an Kennedy? Der Fall der Berliner Mauer? Der Ungarn-Aufstand oder Trump, vielleicht die Fridays-for-Future-Bewegung? Wann wurden Sie in die Sphäre der Politik hineinkatapultiert? Ein Moment, den man vielleicht erst im Nachhinein als das definiert, was es war: Ein politisches Erweckungserlebnis. Bei mir begann es mit einem Gaudi. Meine Freundin Mirjam spielte an der Fastnacht 1984 Liliane Uchtenhagen, wir anderen waren die Bundesräte. Mirjam musste während des Umzugs so tun, als würde sie schluchzen. Otto Stich lächelte breit. Die Frauenprotest-Nummer kam an, wir hatten Spass. Aber: So sehr die Fastnacht der Gesellschaft satirisch überzeichnet einen Spiegel vorhält: Es war mehr als gute Unterhaltung. Es war für uns ein früher Kontaktpunkt mit der Politik, auch wenn wir dies damals so nicht definierten. Selbst später bei der Jungbürgerfeier war uns zu wenig klar, wie bedeutsam dieser Schritt war. Wir fühlten uns wichtig und ernst genommen. Aber dass dies unser Eintritt war in eine aufregende Welt der Gestaltungskraft und der Mitbestimmung, war uns zu wenig bewusst.

Für uns war das System der Schweiz und die Demokratie selbstverständlich. Für uns war selbstverständlich, dass alles gut war. Doch selbstverständlich ist nichts.

Das zeigt nur schon der Blick ins Ausland. Uns in der Schweiz kann – eingebettet in einen globalen Kontext – nicht egal sein, was um uns demokratiepolitisch passiert. Pikant sind hier die Resultate von V-Dem (Varieties of Democracies). Das Institut der politikwissenschaftlichen Abteilung der Uni Göteborg hat sich zum Ziel gesetzt, den globalen Zustand der Demokratie zu vermessen. Es führt Millionen Daten von Tausenden Wissenschaftern in über 200 Ländern zusammen. Diese Jahresberichte sind für mich als Politjournalistin ein Muss.

Nun orteten die Forscher von V-Dem jüngst einen substanziellen Rückgang der Demokratie: Da gibt es die Autokratisierungs-Tendenz als gegenläufige Entwicklung zur liberalen Demokratie (Machtkonzentration, Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit) oder einen Abbau der Demokratie, vertuscht mit einem legalen Mäntelchen. Bedenkliche Tendenzen werden etwa in Brasilien oder in osteuropäischen Ländern dokumentiert. Bemerkenswert: Vor zwei Jahren kam man bei V-Dem noch zu einem anderen Schluss. Man könne nicht von einem Rückgang der Demokratie reden. Nun also doch. Mir bleibt in diesem Zusammenhang auch der Satz des ehemaligen FPÖ-Innenministers Herbert Kickl präsent, dass das Recht der Politik zu folgen habe und nicht die Politik dem Recht.

Es ist die Aufgabe aller, Angriffe auf die Rechtsstaatlichkeit, auf die Medien- und Meinungsfreiheit, auf die demokratischen Institutionen im Auge zu behalten.

Und es ist unsere Aufgabe, aktiv dort anzusetzen, wo wir können. Zum Beispiel, indem wir unsere direkte Demokratie hochhalten, besonders jetzt, im Wahljahr. Wir haben es in der Hand, die nächsten vier Jahren dieses Landes mitzuprägen.

Mein wichtigster Punkt aber: Wir müssen die Ärmel hochkrempeln und uns für die Zukunft der Demokratie engagieren. Die Zukunft der Demokratie, das sind die jungen Menschen. Zwei Drittel der 18- bis 24-Jährigen gingen 2015 nicht wählen. (Was nicht heisst, dass sie nicht politisch interessiert sind, im Gegenteil). Die tiefe Wahlbeteiligung muss uns zu denken geben. Das werde ich nicht müde, zu betonen. Hier stehen wir in der Verantwortung. Und diese geht über Jungbürgerfeiern, Staatskundeunterricht, Besuchen im Bundeshaus und attraktiv gestalteten Social Media Videos zu Politinhalten hinaus.

Ja, viel wird getan. Aber das geht noch besser. Mein Eindruck: Es wird zu viel doziert, gelehrt, gesendet. Wenn wir verstehen wollen, müssen wir zuhören. Junge Menschen sollen uns nicht schonen und ehrlich sagen, was wir besser machen müssen, damit sie sich auf politische Inhalte und Debatten einlassen, damit sie am Meinungsbildungsprozess teilhaben und dann auch an die Urne gehen. Damit sie unsere Demokratie am Leben erhalten. Damit sie am politischen Erweckungserlebnis anknüpfen und eintauchen in die aufregende Welt der Gestaltungskraft und Mitbestimmung. Legen wir los. #Politjugend

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