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Kolumne

Dürfen Kinder fehlerhaft schreiben?

Studien zeigen, dass Schüler, die nach der klassischen Methode unterrichtet wurden, am Ende der Primarschule in Rechtschreibung deutlich besser waren als ihre Kameraden, die frei nach Gehör schreiben gelernt hatten. Dem Beispiel Nidwalden werden deshalb weitere Kantone folgen.
Mario Andreotti
Sprachwissenschaftler Mario Andreotti

Sprachwissenschaftler Mario Andreotti

Seit der Einführung des Lehrplans 21 vor vier Jahren herrscht unter Bildungsforschern und Pädagogen ein Rechtschreibestreit: Sollen die Kinder schon von der ersten Klasse an mit den geltenden Rechtschreibregeln bekannt gemacht werden oder erst ab der dritten Klasse, wie das im Lehrplan 21 festgeschrieben ist? Es handelt sich um zwei Lernmethoden, die gegeneinander ausgespielt werden: um die klassische Fibelmethode, bei der die Kinder beispielsweise das Bild einer Vase erhalten, neben dem das Wort «Vase» steht. Sie sollen sich so von Beginn an die richtige Schreibweise einprägen. Und um die angeblich neue, vom Basler Reformpädagogen Jürgen Reichen propagierte Methode «Schreiben nach Gehör», nach der die Kinder so schreiben dürfen, wie sie die Wörter hören, auch wenn es orthografisch falsch ist. Lehrerinnen und Lehrer greifen bei diesem lautgetreuen Schreiben nicht zum Rotstift und tolerieren es unkommentiert, wenn da «Schpass» statt «Spass», «foll» statt «voll» oder «Thiir» statt «Tier» steht.

Da ausser dem Kanton Nidwalden, der zur klassischen Fibelmethode zurückgekehrt ist, alle Deutschschweizer Kantone im Gefolge des Lehrplans 21 die Lernmethode «Schreiben nach Gehör» praktizieren, bedarf es ein paar klärender Worte. Schreiben, wie es die Kinder aufgrund des Klangs für richtig halten, scheint auf den ersten Blick einleuchtend zu sein. Zum einen ist lautgetreues Schreiben ein Entwicklungsschritt, den ohnehin jedes Kind durchläuft, und zum andern kennt das Deutsche bis ins 18. Jahrhundert keinerlei Normierung der geschriebenen Sprache. Noch Martin Luther kann in seinen Schriften das gleiche Wort auf bis vier verschiedene Weisen schreiben, weil er es immer wieder anders hört. Eine geregelte deutsche Rechtschreibung gibt es erst seit Anfang des 20 Jahrhunderts.

Trotz dieser beiden Befunde, die für das «Schreiben nach Gehör» sprechen könnten, gibt es aus linguistischer Sicht ernst zu nehmende Einwände gegen die Methode. Im Deutschen haben wir, anders als etwa im Italienischen, eine auffallende Diskrepanz zwischen Schrift- und Lautzeichen. Wir schreiben «Vieh», sprechen aber «fii», unterscheiden schreibsprachlich zwischen «wer», «Meer» und «mehr», obwohl wir die drei Wörter gleich aussprechen, und verwenden schliesslich für den Doppellaut «ai» die Schreibung «ei» wie etwa im Wort «Blei». Diese deutliche Abweichung der Laute von den Schriftzeichen, die historisch bedingt ist, macht die deutsche Rechtschreibung so schwierig. Schreiben nun Kinder in den ersten beiden Schuljahren nur nach dem Gehör, so ist das Umlernen auf die orthografisch korrekte Schreibweise nachher mit einem enormen Aufwand verbunden. Das dürfte der eigentliche Grund dafür sein, dieses Schreiben kritisch zu hinterfragen. Der Kanton Nidwalden hat das bereits getan; weitere Kantone werden folgen.

Die Befürworter des lautgetreuen Schreibens argumentieren damit, dass man durch allzu frühes Korrigieren von Fehlern den Kindern die Freude am Schreiben nehme, sie ihrer Kreativität beraube. Hinter dieser Argumentation verbirgt sich ein seltsamer Begriff von Kreativität, der, von Reformpädagogen wie ein Mantra heruntergebetet, für alle möglichen Auswüchse in der Schule herhalten muss. Nein, Lehrerinnen und Lehrer tun gut daran, ihre Schüler schon früh mit den Rechtschreibregeln vertraut zu machen, freilich ohne Orthografiefehler unbedingt zu benoten. Wichtig ist dabei ein sinnvolles Üben, auch wenn das nicht mehr in der Form der einst gefürchteten Diktate geschehen muss.

Gegner des «Schreibens nach Gehör» warnen gerne vor den Langzeitfolgen dieser Methode. Auch wenn es keine Belege dafür gibt, dass lautgetreues Schreiben für die Rechtschreibschwächen der jungen Generation mitverantwortlich ist, so konnten Studien doch zeigen, dass Schüler, die nach der klassischen Methode unterrichtet wurden, am Ende der Primarschule in Rechtschreibung deutlich besser waren als ihre Kameraden, die frei nach Gehör schreiben gelernt hatten. Ein Ergebnis, das zumindest aufhorchen lässt.

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