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Ein Hoch auf die Schweizer mit zwei Pässen

Können Bürger mit zwei Pässen richtige Schweizer sein? Ja! Wer von ihnen
ein exklusives Bekenntnis zu einem Land fordert, handelt wie ein Fundamentalist.
Jürg Ackermann
Dass die Doppelbürger-Debatte derart emotional verlief, überrascht nicht. Auch in der globalisierten Welt ist die eigene Nation für viele noch immer ein sehr wichtiger Bezugspunkt. (Bild:Keystone)

Dass die Doppelbürger-Debatte derart emotional verlief, überrascht nicht. Auch in der globalisierten Welt ist die eigene Nation für viele noch immer ein sehr wichtiger Bezugspunkt. (Bild:Keystone)

Die Schweiz hat es doch noch in den WM-Final geschafft. Dank Ivan Rakitic, dem kroatischen Mittelfeld-Strategen, der aus Möhlin stammt. In einem eindrücklichen Interview vor der WM schilderte Rakitic, wie schwierig es für ihn damals war, sich für eines der beiden Länder zu entscheiden. Rakitic ist im Aargau geboren, er ging hier zur Schule, war stolzer Schweizer Junioren-Nationalspieler. Und obwohl er seine andere Heimat lange nur vom Hören-Sagen kannte, entschied er sich für Kroatien. Aus Dankbarkeit auch gegenüber seinem Vater, der vieles für ihn tat – und dessen eigene Fussballer-Träume im Schutthaufen des Jugoslawienkrieges begraben wurden.

Jürg Ackermann, stellvertretender Chefredaktor.

Jürg Ackermann, stellvertretender Chefredaktor.

«Es war nie ein Entscheid gegen die Schweiz, sondern für Kroatien», erklärt Rakitic, der bei Barcelona spielt, mit einer Spanierin verheiratet ist und dort immer betont, dass er eigentlich Schweizer sei. So wie ihm dürfte es vielen Secondos gehen. Nicht wenige von ihnen fragen sich zuweilen: Wo genau ist meine Heimat? Wie gehe ich damit um, mehrere Identitäten zu haben, aber vielleicht doch nirgends richtig dazu zu gehören? Einen entscheidenden Beitrag zu diesen Fragen meinte auch Alex Miescher, Generalsekretär des Schweizer Fussballverbandes, leisten zu müssen. Mit der Frage, ob die Schweiz nach dem Doppeladler-Jubel überhaupt noch Doppelbürger in der Fussball-Nati wolle, trat er eine hitzige Debatte los.

Gestern nach langen Tagen des Schweigens äusserte sich endlich auch Verbandspräsident Peter Gilliéron. Er entschuldigte sich und machte klar, dass wir auch «zu unseren Spielern mit doppelter Nationalität stehen». Es war höchste Zeit für diese Geste des Respekts gegenüber den vielen Secondos wie Xhaka, Shaqiri, Drmic und Co., die – im Gegensatz zu Rakitic – für die Schweiz und nicht für das Heimatland ihrer Eltern spielen und ohne die die Schweiz fussballerisch niemals dort stünde, wo sie seit Jahren steht.

Dass die Debatte derart emotional verlief, überrascht nicht. Auch in der globalisierten Welt ist die eigene Nation für viele noch immer ein sehr wichtiger Bezugspunkt. Das kann man schlecht, aber auch gut finden. Doch der Forderung nach exklusiven Bekenntnissen zu einem Land, wie sie in der Doppelbürger-Debatte auftauchten, haftet etwas zutiefst antiliberales an wie wir es ansonsten nur von religiösen Fundamentalisten kennen.

Solche Bekenntnis-Forderungen feiern leider auch in der Politik immer wieder Urständ. Beispielsweise bei der SVP. Als diese vor Jahren mit dem Slogan «Schweizer wählen SVP» in den Wahlkampf zog, tobte zurecht ein Sturm der Entrüstung. Weil der Slogan suggerierte, dass kein richtiger Schweizer sei, wer nicht SVP wähle. Wer meint, er habe das Monopol auf die Definition, was den Kern dieses Landes ausmacht, hat kaum begriffen, was es heisst, Schweizer zu sein. Was es heisst, demokratische, liberale, föderalistische Werte zu leben.

Die von Generalsekretär Miescher geäusserte Mutmassung, es würde besser laufen, wenn keine Doppelbürger mehr für die Nationalmannschaft spielten, war absurd. Auch angesichts der Tatsache, dass mittlerweile über ein Viertel der Schweizer noch einen weiteren Pass besitzen. Tendenz klar steigend. Zu welchem Land sich diese vielen Secondos und Doppelbürger wie stark hingezogen fühlen, ist ihre ureigenste, private Sache – solange sie sich an ein paar elementare Grundwerte halten, die in unserem Land gelebt werden. Oft zeigt sich aber, Bürger mit zwei Pässen fühlen sich der Schweiz nicht weniger verbunden als solche mit einem. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier brachte es auf den Punkt. Nach der unseligen Debatte darüber, ob Mesut Özil sich noch mit ganzer Kraft für die deutsche Nationalmannschaft einsetzen könne, nachdem er sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan auf einem Foto zeigte, meinte er: «Heimat gibt es auch im Plural. Ein Mensch kann mehr als eine Heimat haben und neue Heimat finden.» So wie bei Ivan Rakitic, der Schweizer, der Kroatien morgen vielleicht zum WM-Titel schiesst.

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