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Es ist nur Salat

Unsere Autorin erklärt, wieso ihrer Schwester das Leben keine schlaflosen Nächte bereitet.
Joëlle Weil
Joëlle Weil, Journalistin in Tel Aviv, Israel. (Bild: PD)

Joëlle Weil, Journalistin in Tel Aviv, Israel. (Bild: PD)

Meine jüngste Schwester hat sich ihr Leben so eingerichtet, dass nur ihre Hornhautverkrümmung ihr Kopfschmerzen bereitet. Sie arbeitet seit ihrer Lehre als Pflegefachfrau im selben Altersheim, lebt in ihrer beigen Wohnung, hat auf den Fiat 500 ihrer Träume gespart und fährt diesen heute. Meine jüngste Schwester hat sich nie von Gleichaltrigen einreden lassen, eine Weltreise machen zu müssen. Sie tanzt nicht gerne und hat sich noch nie eine Fernsehserie angeschaut, die «man gesehen haben muss».

Meine jüngste Schwester zerbricht sich über Weltpolitik oder gesellschaftliche Themen nicht den Kopf. Sie erkennt eine Aktualität, macht sich ihre Gedanken dazu und legt diese dann ad acta. Überhaupt gar nichts qualifiziert sie für ein Aktivisten-Dasein. Sie wälzt sich weder in den Schlaf, noch verspürt sie das Bedürfnis, Themen totzureden. Wenn wir eines ihrer Anliegen am Familientisch zu lange besprechen, bricht sie die Diskussion oft mit den Worten «Ok, jetzt ist gut» ab.

Meine jüngste Schwester hat noch nie einen Menschen aufgrund seiner Identität, Ideen oder Ideologien ver- oder beurteilt. Ich glaube nicht, dass sie nicht urteilt, weil sie so tolerant ist. Ich glaube, sie urteilt nicht, weil es ihr fernliegt, sich die Position des Urteilenden anzumassen.

Meine jüngste Schwester hat schon immer gewusst, was sie will. Als Baby durften unsere mittlere Schwester und ich ihr nicht zu nahe kommen. Sie begann dann zu schreien und hörte erst auf, wenn wir sie wieder allein liessen. Sie wollte einfach ihre Ruhe. Wir haben sie folglich ein Jahr lang ignoriert, und sie war damit zufrieden.

Meine jüngste Schwester ist eine gute Freundin. Wenn sie jemandem geholfen hat und davon erzählt, verlangt sie keinen Applaus. Sie ist da pragmatisch und versteht es als Selbstverständlichkeit zu helfen, wenn sie kann. Sie hat diese Bestätigung von aussen selten gebraucht, denn aus irgendeinem Grund war ihre Persönlichkeit schon immer geerdet genug, selbst zu bestimmen, wann etwas gut war und wann nicht.

Meine jüngste Schwester folgte einst einem Koch-Blog auf Facebook. Dort wurde das Rezept für einen «Israelischen Salat» vorgestellt. Gurken, Tomaten, Olivenöl, Zitronensaft. Die Kommentare darunter waren ein Feuerwerk der Emotionen. «Das ist ein arabischer Salat!», «Es gibt keine israelische Küche!», «Nennt es doch Palästina-Salat!». Meine jüngste Schwester hat sich dann zum ersten Mal hinreissen lassen, einen Meinungskommentar im Internet zu veröffentlichen. «Es ist nur Salat», schrieb sie.

Meine jüngste Schwester erzählte mir vor einigen Wochen die Geschichte eines Bewohners in ihrem Alters- und Pflegeheim. Ein Leben lang hat der Alte täglich zwei Schachteln Zigaretten geraucht. Er starb schliesslich, weil er sich an einem Stück Apfelstrudel verschluckt hat. Diese Geschichte war ihre Antwort auf meine Frage, warum ihr das Leben keine schlaflosen Nächte bereitet.

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