Heimatgefühle
Es soll Transparenz gelten: I love the «Mittelland»

Der Jurist und Autor Peter V. Kunz über die Heimat im Herzen, zu wenig Selbstwertgefühl und zu viel Nebel. Getreu dem Motto: «einmal Mittelländer - immer Mittelländer».

Peter V. Kunz
Peter V. Kunz
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Das Mittelland: mehr als ein Rückzugsgebiet für «Züri-Flüchtlinge».

Das Mittelland: mehr als ein Rückzugsgebiet für «Züri-Flüchtlinge».

Hans Ulrich Mülchi

Ich tat mich dieses Mal etwas schwer bei der Wahl des Themas für meine Kolumne. Darum fragte ich meine Assistentin am Institut für Wirtschaftsrecht in Bern, Regina Kaufmann, um Rat. Ursprünglich wollte ich etwas Halbjuristisches schreiben zur sogenannten Konzernverantwortungs-Initiative (vielleicht ein anderes Mal).

Doch Regina wies mit gutem Grund darauf hin, dass bei Problemen wie Attentaten, Klimaerwärmung, Flüchtlingsströmen oder IS ein «etwas leichteres Thema» leserfreundlicher wäre.

Natürlich soll die Kolumne die Leser interessieren. Da erinnerte ich mich, dass sich die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) in den letzten Wochen mehrfach mit dem Mittelland befasst hatte.

So fanden sich in der NZZ Titel wie «Wie wird das Mittelland zur guten Mittelstadt?», «Der Reiz der Provinz», «Olten auf Probe» oder «Realität ohne Identität im Mittelland». Obwohl ich wenig von nabelschauenden Selbstreflexionen halte, habe ich mir Gedanken gemacht, sozusagen als «ehemaliger Mittelländler» (seit knapp zwanzig Jahren lebe ich in Zürich).

Was ich persönlich mit dem Mittelland verbinde: Spaziergänge an der Aare, Kindheit und Jugend, Schulen, erster Kuss, erste Liebe, erster Liebeskummer, Fummeleien im Dancing «Fähre», Politik im Dulliker Gemeinderat und im Solothurner Kantonsrat – und, sorry: Nebel, Nebel, Nebel – und nochmals Nebel!

Mein mittelländliches Einzugsgebiet reichte im Wesentlichen von Brugg über Aarau nach Olten, Zofingen, Solothurn. Noch heute bin ich oft im Mittelland, insbesondere in Dulliken, wo meine Eltern seit einem halben Jahrhundert leben.

Ich habe viele spannende Mittelländler kennen gelernt. Beispielsweise Peter André Bloch, meinen Französischlehrer im Gymi Olten, dem ich den «Prix Wartenfels 2010» verdanke. Oder Bundesanwalt Michael Lauber, ebenfalls ein «Oltner Gymeler». Alex Capus, den Schriftsteller: Wir haben zusammen Basketball gespielt, wobei er mir die Brille zertrümmert hat (so viel zum «körperlosen Sport»).

Schliesslich Werner De Schepper, den Journalisten, mein bester Freund über viele Jugendjahre. Erstaunt hat mich, dass ich Mike Müller, den «Bestatter» (und «Prix Wartenfels 2013»), nicht kenne, obwohl wir in Parallelklassen waren.

Die Berner kenne ich seit Jahrzehnten vom Studium her und von Berufs wegen gut, ich mag sie sehr. Doch Berner und Mittelländler haben eine unangenehme (und unnötige) Gemeinsamkeit: die verbreitete Selbstunterschätzung, ein Charakterzug, der in der «Züri-DNA» fehlt und vielen Zürchern bizarr erscheinen mag.

Dabei sollte vieles die Mittelländler stolz machen. Doch sie sehen nur Probleme wie Stadtflucht, wirtschaftlich unsichere Zukunft, Zersiedelung der Landschaft, Pendlerströme, verstopfte Autobahnen.

Paul Schneeberger analysierte kürzlich in der NZZ, dass sich das Mittelland als «heimlicher Riese» bei Verteilkämpfen kaum artikuliert, weil es sich «aus einer Summe von Zwergen zusammensetzt, die sich nach verschiedenen Seiten ausrichten».

Änderung täte not, doch nicht aufgrund von Ratschlägen aus Zürich (oder Bern): Das Mittelland sollte aus eigener Überzeugung künftig stärker «aufbegehren» und sein Minderwertigkeitsgefühl überwinden.

Fast mittelland-patriotisch erzähle ich als «Ehemaliger» jeweils meinen Studenten, dass das erste kantonale Aktienrecht in der Schweiz in Solothurn erlassen wurde (im Jahr 1847).

Ein erheblicher Teil meiner wissenschaftlichen Assistenten kam oder kommt aus dem Mittelland, insbesondere aus Olten und Umgebung. Dies hat weniger mit meinen persönlichen Vorlieben zu tun als vielmehr mit ausgezeichneten juristischen Qualitäten dieser Mittelländler.

Trotzdem soll Transparenz gelten: «einmal Mittelländler – immer Mittelländler». Und ich kann durchaus aufrichtig festhalten: I love the «Mittelland».

Mittelland, das sollte mehr sein als ein Rückzugsgebiet für «Züri-Flüchtlinge» (etwa der tieferen Mietzinse oder Bodenpreise wegen). Mittelland, nein, das stellt nicht einfach Mittelmass oder Provinz dar. Mittelland, das ist – zumindest für mich persönlich – Heimat.

Zwar nicht als Wohnadresse, jedoch nach wie vor im Herzen. Werde ich also irgendeinmal wieder ins Mittelland zurückkehren? Sorry, jetzt kommt die Stunde der Wahrheit: wohl kaum, erhoffe ich doch meinen Lebensabend eher unter der Sonne von Arizona als unter Nebel, Nebel, Nebel ...

Peter V. Kunz Der Autor, Prof. Dr. iur., Rechtsanwalt, LL.M., ist seit 2005 Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Rechtsvergleichung der Universität Bern; seit 2015 ist er Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Vor seiner akademischen Karriere war er unter anderem als Journalist tätig und als FDP-Mitglied Gemeinderat in Dulliken und Kantonsrat des Kantons Solothurn. Inzwischen ist er aus der FDP ausgetreten.