Kommentar

EU- und Brexit-Wirren: In der Sackgasse um die Ecke denken

Die Spannung steigt. In gut einer Woche soll das britische Parlament über den EU-Austritt abstimmen, den Premierministerin Theresa May ausgehandelt hat.

Sasa Rasic
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Gewisse Meldungen am Rande mögen verwundertes Schmunzeln auslösen (wie etwa die von der britischen Regierung bereits gebuchten Fähren, um die Versorgungs­sicherheit zu gewährleisten). Die Bewohner Nordirlands aber plagen existenzielle Gedanken darüber, was der Austritt aus der EU für das fragile Gleichgewicht in der ehemaligen Krisenregion bedeutet. Für manche von uns mag das Thema Brexit weit weg sein, anderen hängt es vielleicht zum Hals heraus. Doch bei den Menschen in Nordirland weckt die Unsicherheit grosse Ängste. Alte Sorgen über Krieg und Elend kommen wieder hoch, die vor nicht allzu langer Zeit leider ihren Alltag prägten (siehe Reportage ab Seite 6).

In Anbetracht dessen müsste man auch alternative Lösungen ins Auge fassen. Selbst ein EU-Austritt Irlands scheint auf einmal mehr als ein bizarres Hirngespinst zu sein. Immerhin ist der Nachbar Grossbritannien kulturell, gesellschaftlich und vor allem als Handelspartner deutlich näher als der Rest der EU. Zudem droht Irland latent die von einigen EU-Mitgliedern vorangetriebene Digitalsteuer. Ein ernst zu nehmendes Problem für den steuerlich attraktiven Staat: Er beherbergt Ableger genau jener Internet-konzerne, die von der Steuer anvisiert werden – Google und Facebook.

Die Warnung vor erneuten, potenziell bewaffneten Konflikten in Nordirland mag fremd, ja gar unrealistisch erscheinen. Die historischen Bilder von Maschinengewehrpositionen inmitten des alltäglichen Stadtlebens in einer westeuropäischen Stadt können wie eine Absurdität der Geschichte wirken. Doch nicht nur dieses Extrem kann nachhaltig zerstörerisch wirken.

Ein einschneidender und anhaltender Wirtschaftsabschwung kann auch ohne zuvor bitter verfeindete Gruppierungen die Stabilität eines Staats beinträchtigen. Dies sieht man derzeit in Frankreich mit den wiederholten Protesten der Gelbwesten. Das Wichtigste ist, Derartiges zu verhindern. Deshalb muss man in der drohenden Sackgasse um die Ecke denken – oder sogar erwägen, die Wand raufzuklettern.

Nordirland: Ein verfluchtes Land?

Eine harte Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland würde den wichtigsten Pfeiler des Friedensabkommens von 1998 zerstören. Wiederholt sich die Geschichte?
Cedric Rehman