Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Kommentar

Noch heisst es: Freie Fahrt für freie Pendler – doch das Ende naht

Unsere Politiker landen für einmal einen Erfolg im Bundeshaus: Ostschweizer Verkehrsprojekte sollen rascher als geplant realisiert werden. Eine kluge Verkehrspolitik erschöpft sich freilich nicht darin, in Bern Geld abzuholen.
Stefan Schmid
Stefan Schmid, Chefredaktor. (Bild: Benjamin Manser)

Stefan Schmid, Chefredaktor. (Bild: Benjamin Manser)

Gewiss: Was der Nationalrat diese Woche geboten hat, war hemdsärmlig. Eine Allianz aus Zürchern, Nordwestschweizern und Ostschweizern boxte drei gigantische Strassenbauprojekte durch – darunter die Bodensee-Thurtalstrasse zwischen Arbon und Weinfelden – ohne dabei genau zu wissen, was die Sache kostet. Unseriös, rief nicht nur die Linke. Die Vorhaben werden nun nochmals geprüft und gerechnet, ehe das Parlament abschliessend entscheidet. Ein vernünftiges Vorgehen.

Aus Ostschweizer Sicht dürfen wir das Gebotene dennoch als erfolgreich taxieren. Das Zusammenspiel zwischen St.Gallern, Thurgauern und Appenzellern hat für einmal perfekt funktioniert. Es war bezeichnenderweise der Rheintaler CVP-Nationalrat Thomas Ammann, von Haus aus eigentlich eher ein Bähnler, der sich kräftig für den Bau der Thurgauer Schnellstrasse ins Zeug legte. Dafür halfen die Thurgauer mit, Paul Rechsteiners Offensive für den Ausbau der SBB-Doppelspur in Rorschach im Ständerat durchzubringen. Eine Hand wäscht die andere. Und weil es den Ostschweizern gelang, rechtzeitig ein Päckli mit anderen Regionen zu schnüren, kamen gleich mehrere grössere Vorhaben durch. Man kann das kritisieren. Aber genau so funktioniert hierzulande Politik. Die Ostschweiz agierte in Bundesbern zu lange zu brav, um sich jetzt für das gelungene Powerplay zu schämen. Manchmal muss man übers Ziel hinausschiessen, um etwas in Bewegung zu bringen.

Die Bundespolitik ist auch ein Basar, bei dem sich der Kluge das holt, was er braucht. Der Föderalismus und die mannigfachen Unterschiede zwischen den Regionen verhindern zum Glück zuverlässig, dass immer dieselben Lobbys gewinnen. Es ist letztlich ein Geben und Nehmen.

So beeindruckend die Leistung unserer Bundespolitiker auf eidgenössischem Terrain für einmal ist: In Sachen weitsichtiger Verkehrspolitik besteht massiver Nachholbedarf. Oder um es sprachlich passender auszudrücken: Man droht den Zug zu verpassen. Die Gesellschaft wird immer mobiler. Eine Folge von veränderten Arbeitswelten, Bevölkerungszunahme und gewandelter Freizeit- und Wohnbedürfnisse. Selbst Kleinstädte wie Frauenfeld, Rorschach, Wil oder Rapperswil versinken allabendlich im motorisierten Individualverkehr. Überall wird der Ruf nach neuen Strassen und Tunnels laut. Die Stadt St. Gallen etwa soll dank Hilfe des Bundes bald eine schöne neue Verbindung ins Appenzellerland bekommen, um die chronisch verstopften Eingangstore zu entlasten.

Es wäre falsch, in der Verkehrspolitik in alte Gräben zurückzufallen. Hier die Grünen, die ausschliesslich den ÖV und den Langsamverkehr fördern wollen. Da die Autolobby, die das Heil in neuen Strassen sucht. Es braucht beides. Der springende Punkt ist ein anderer: Mit dem Ausbau der Infrastruktur wird der Verkehrsinfarkt nur aufgeschoben. Irgendwann sind auch die neuen Tunnels wieder verstopft, die breiteren Strassen zu schmal und die neuen Züge zu voll, um unser Bedürfnis nach freier Fahrt zu befriedigen. Es ist wie bei der Klimadebatte: Ohne Änderung des Verhaltens bekommen wir die Situation nicht nachhaltig in den Griff.

Die Freiheit, das Verkehrsmittel wählen zu können und damit irgendwohin zu fahren, ist ein zivilisatorischer Fortschritt. Es wäre eine Illusion zu glauben, die Menschen seien bereit, irgendwann wieder alles zu Fuss zu erledigen. Dennoch gibt es Ansätze, die Sinn ergeben. Ein Treiber des Verkehrs ist die Siedlungsentwicklung. So lange der Staat mit grosszügigen Pendlerabzügen den Bau neuer Wohnungen und Häuser weitab der ökonomischen Zentren fördert, wird es immer Menschen geben, die dorthin ziehen und dann auf ein Auto angewiesen sein werden. Die Pendlerei hat ungesunde Ausmasse angenommen. Wenn es uns gelänge, Wohnen und Arbeiten vermehrt zusammenzubringen, dann ist schon einiges erreicht. Auch die breitere Nutzung von Home office kann dazu beitragen, Verkehrsspitzen zu brechen. Neue Brücken und Tunnels in Ehren: Es lohnt sich, über Alternativen intensiver nachzudenken.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.