Gastbeitrag
Die Verschwendung ist überflüssig - die Schweiz braucht eine optimierte Kreislaufwirtschaft

Der Ukraine-Krieg macht mehr als deutlich wie stark die Schweiz vom Ausland abhängig ist. Jetzt ist ein Umdenken gefragt.

Thomas Kessler
Thomas Kessler
Drucken

Die harten Fakten der globalen Logistik und Politik fegen wie ein reinigendes Gewitter durchs verwöhnte Helvetien. Ein einziges Schiff kann den Suezkanal und damit die Hälfte des Güterverkehrs blockieren. Zwei Jahre Seuchenmanagement haben tüchtig durchgeschüttelt. Und mit Putins Überfall sind rechte Heidiwelt und linker Daueraktivismus out.

Die Weltwirtschaft und die Konsequenzen für die Schweiz: Die Abhängigkeit sollte reduziert werden.

Die Weltwirtschaft und die Konsequenzen für die Schweiz: Die Abhängigkeit sollte reduziert werden.

Keystone

Die Party der weltfremden Mythenpfleger am einen und der Campaigner am andern politischen Rand schrumpft zusammen. Am vergangenen Sonntag sind in allen drei Fragen zwei Drittel der Abstimmenden den Empfehlungen von Bundesrat und Parlament gefolgt. Die Zustimmung zur stärkeren Zusammenarbeit mit Europa hat alle Erwartungen übertroffen. Die Schweiz nähert sich dem robusten Realismus der Skandinavierinnen an.

Wie in dieser Zeitung am Donnerstag zu lesen war, wird nun neben Nahrung und Energie auch das Bier teurer. In ganz Europa herrscht ein Mangel an Glasflaschen. Und Braugetreide und das Gas für die Glasherstellung sind bereits arg verteuert.

Zudem haben Putins Krieger die grosse Glasfabrik in Kiew zerstört und massiv Getreide gestohlen, Ackerflächen vermint, Häfen blockiert und sogar die Gen-Bank für Cerealien in Charkiw angegriffen. 10 Prozent der globalen Getreideproduktion, 13 Prozent der Gerste, 15 Prozent des Mais und die Hälfte des weltweit gehandelten Sonnenblumenöls kommen aus der Ukraine. Russland ist daneben der weltgrösste Weizenexporteur. In Putins Plan wird neben Gas und Öl das Getreide zur Waffe. Die steigenden Preise finanzieren seinen grässlichen Angriffskrieg und sind der Hebel zur Destabilisierung des Nahen Ostens, Ostafrikas und des Maghreb. 80 Prozent des dort benötigten Getreides kommen aus der Ukraine und Russland. Wird das Getreide noch teuer, ist mit Hunger, Unruhen und grossem Migrationsdruck zu rechnen.

Die Tiefpreispolitik erweist sich als gefährliche Abhängigkeit

Gleichzeitig stauen sich die Containerschiffe vor Schanghai, Chinas Covid-Strategie ist gescheitert. Auch in der imperialen Welt-Werkstatt brechen die Probleme auf. Die Tiefpreispolitik mit Billig-Gas aus Russland und günstigen Produkten aus China erweist sich als gefährliche Abhängigkeit.

Preissteigerungen von einem Drittel werden zur Regel. Dies entspricht in der Schweiz dem, was wir bisher überkonsumiert haben. Mehr als ein Drittel der Nahrungsmittel landen im Abfall, Wohnungen und Büros sind bei und bis zu vier Grad überheizt.

Seit der Ölkrise von 1973 wird zwar Mässigung gepredigt, bekanntlich sind aber seither die Autos viel grösser und die Staus noch länger geworden – mit einem neuen Rekord am Gotthard an diesen Ostern: 22 km.

Wir haben enorm Potenzial für die Kompensation des Preisanstiegs durch kluges Wirtschaften. Die Verschwendung ist überflüssig, und mit höherer Effizienz, innovativen Alternativen und mehr Eigenproduktion wird die Bilanz positiv. Das gescheiterte CO2-Gesetz muss im Geist des wiederentdeckten Realismus in einem grösseren Zusammenhang neu gedacht, verbessert und nochmals präsentiert werden. Es kann nicht sein, dass wir jährlich 10 Milliarden Franken für Fossilenergie in Despotenländer schicken, welche damit Kriege und Terrororganisationen (wie IS, Hamas und Hisbollah) finanzieren. Seit dem Überfall auf die Ukraine sind aus der Schweiz für Öl und Gas 360 Millionen in Putins Kriegskasse geflossen. In die Ukraine gingen in dieser Zeit 58 Millionen für humanitäre Hilfe.

Die Mittel müssen bei uns in innovative KMU und intelligente Systeme investiert werden, in enger Kooperation mit den Nachbarn und verlässlichen Partnern. So lassen sich auch die Rohstoffprobleme lösen. Wir brauchen eine optimierte Kreislaufwirtschaft, zudem können modernste Roboter recycelte Waren genau erkennen, triagieren und zur Wiederverwendung aufbereiten. So wird das Land ohne Bodenschätze zum Rohstoffgiganten.

Thomas Kessler

Thomas Kessler ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses von CH Media, beruflich spezialisiert auf Sicherheitsfragen, Migration und Integration.

Aktuelle Nachrichten