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Kolumne

Gegenbewegung in der verwaisten Mitte

In Grossbritannien wäre das Aufkeimen einer neuen politischen Kraft in der Mitte gesund. Zu polarisiert ist die aktuelle Situation.
Gabriel Felder, London
Gabriel Felder

Gabriel Felder

Trommelfeuer vor dem Schulhaus: Am letzten Freitag hauten rund 200 Kinder vor der Torriano Primary School in Nordlondon auf die Pauke. Ich befand mich gerade auf der Velodurchfahrt, als mich ihr lauter Aufruf für die Rettung des Planeten abbremste. «Save the Planet»? Da bin ich dabei. Landauf, landab schlossen sich Schülerinnen und Schüler einem unbewilligten Streik an, tauschten Lehrbücher mit Protestschildern aus und forderten Politiker auf beiden Seiten des Spektrums zum Handeln auf.

Der «Jugendstreik fürs Klima» präsentierte sich bunt, lautstark und erfrischend unkonventionell. «Sorry, dass ich mein Zimmer nicht aufräumen kann. Ich protestiere gerade für den Planeten», hiess auf dem Plakat eines 11-jährigen Jungen. «Es gibt keinen Planeten B», lautete der Slogan seiner Kollegin. Und in Anspielung auf Donald Trumps «Make America great again»-Slogan rief ein Plakat in derselben Gruppe dazu auf, die Erde wieder abzukühlen: «Make earth cool again». Die Wortspielereien der Studenten lösten eine Lawine von offiziellen Twitter-Reaktionen aus. «So etwas Hoffnungsvolles hat sich seit Jahren nicht mehr ereignet», schrieb die einzige Parlamentsabgeordnete der Grünen, Caroline Lucas. «Wenn die Wahrscheinlichkeit, dass das Leben auf dieser Erde zu Ende gehen könnte, nicht Grund genug ist, Lektionen zu verpassen, dann weiss ich auch nicht mehr», schrieb sie.

Die regierenden Konservativen zeigten deutlich weniger Verständnis für den friedlichen Klimaaufstand der Schulpflichtigen. Premierministerin Theresa May gab sich betont unbeeindruckt von der jugendlichen Protestbewegung und warf den Schülern vor, «das Arbeitspensum der Lehrer zusätzlich zu erhöhen» und «wertvolle Unterrichtszeit zu verschwenden». Dass die Protestanten eine erstklassige Lektion in aktiver Demokratie mitbekamen, wäre der ungelenken Regierungschefin nicht eingefallen.

Mays Reaktion steht allerdings im Kontext einer Tendenz innerhalb der britischen Konservativen, zum Bild der «nasty party» zurückzukehren. Das Etikett der «hässlichen Partei» hielt sich hartnäckig, seit Margaret Thatcher an der Spitze der Partei stand. Die Bemühungen von Vorgänger David Cameron, die Tories zu modernisieren und als «mit­fühlende und aufgeschlossene Partei» neu zu verpacken, gehören der Vergangenheit an. Für Imagepflege hat’s im Brexit-Überlebenskampf keinen Platz.

Mays Situation schaut zunehmend ungemütlich aus: Sie scheint den harten Brexit-Extremisten in ihrer Partei ausgeliefert zu sein und betrachtet die Beschwichtigung derselben als einzige Methode, ihre zerrüttete Partei einigermassen zusammenzuhalten. In diesen Kontext passt der Rücktritt der Parlamentarierinnen Anna Soubry, Heidi Allen und Sarah Wollaston aus der konservativen Partei am vergangenen Mittwoch: Die drei moderaten Politikerinnen distanzierten sich von Mays «gefährlicher Besessenheit von einem harten Brexit» und schlossen sich einer wachsenden Gruppe von Unabhängigen im britischen Unterhaus an. «Das rechtsgerichtete, kompromisslose und unbeholfene Anti-EU-Kader hat jetzt das Sagen in der konservativen Partei», begründete Soubry ihren Entscheid während einer Medienkonferenz. «Die Mitte liegt verwaist.»

Ich finde das Aufkeimen einer Gegenbewegung zur polarisierten Links-Rechts-Politik hier in Grossbritannien äusserst gesund. Die Herausforderungen unserer Zeit verlangen nach Lösungen, durch welche sich Leute verbinden, austauschen und ergänzen. Theresa May und ihr Labour-Opponent Jeremy Corbyn entstammen einer Generation, die Machterhalt und Ideologie über pragmatisches Denken und Handeln stellt. Sei es Brexit oder Klimawandel – wir brauchen eine Politik der Kooperation und Grenzüberschreitung. Oder wie es auf einem Protestschild an der Klima-Demo hiess: «Wenn Ihr euch nicht wie Erwachsene benimmt, werden wir es tun.»

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