Kommentar

Gelassen, nicht gleichgültig – die Devise fürs neue Jahrzehnt

Im neuen Jahrzehnt sollten wir gelassen, mutig und weise sein, meint Harry Ziegler, Chefredaktor der «Zuger Zeitung». 

Harry Ziegler
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Harry Ziegler.

Harry Ziegler.

Bild: Stefan Kaiser

«Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.»

Diese Zeilen schrieb der amerikanische Theologe, Philosoph und Politikwissenschafter Reinhold Niebuhr (1892–1971). Sein Gebet ist Ausfluss einer philosophischen Richtung, die um 300 vor Christus mit Zenon von Kition in Athen entstand, der Stoa. Die Stoiker, wie die Anhänger dieser Philosophie genannt wurden, suchten ihren Platz in der Weltordnung durch das Üben emotionaler Selbstbeherrschung. Mithilfe von Gelassenheit und Seelenruhe strebten sie nach Weisheit.

Das neue Jahrzehnt ist erst wenige Tage alt und bereits beherrschen Hektik, die Angst vor einer ungewissen Zukunft oder Angst vor Verlusten irgendwelcher Art unser Denken. Von Gelassenheit kaum eine Spur.

Das ist nun kein Aufruf, Gelassenheit mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Gleichgültigkeit hat noch nie Lösungen zustande gebracht. Hingegen kann man Gelassenheit mit Besonnenheit gleichsetzen. Das heisst, in schwierigen oder heiklen Situationen den Verstand die Oberhand behalten lassen. Nichts anderes lehrten im Kern die antiken Philosophen der Stoa. Nichts anderes beschreiben auch Niebuhrs Zeilen. Denn, wenn das neue Jahrzehnt etwas braucht, dann sind es Gelassenheit, Mut und Weisheit.