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Gastkommentar

Sprechende Autos: Hey, Mercedes, wie weit reicht der Sprit?

Die sprechenden Autos sind auch gute Zuhörer. Sie zeichnen alles auf, was ihre Besitzerinnen und Besitzer im Wageninnern von sich geben. Da kann nur noch ein Datenschutzgesetz helfen. Der Gastkommentar von Susan Boos.
Susan Boos
KITT - der Pontiac von Knight Rider. (Bild: KEY)

KITT - der Pontiac von Knight Rider. (Bild: KEY)

K.I.T.T. kommt in den Niederungen des Alltags an. Der Pontiac von Knight Rider konnte alles: Selber fahren, die Umgebung scannen und reden. David Hasselhoff wurde mit der schwarzen, schwatzenden Karre berühmt. Später musste er als Baywatcher im Wasser plantschen, das war dann weniger aufregend.

Die Zeitschrift «auto motor sport» hat nun die verschiedenen redenden Automodelle getestet. Das liest sich ganz lustig. «Hey Mercedes, wie viel Sprit ist noch im Tank?» Mercedes antwortet artig, man könne noch zwanzig Kilometer fahren.

Susan Boos, Redaktorin bei der WOZ, von 2005 bis 2017 Redaktionsleiterin.

Susan Boos, Redaktorin bei der WOZ, von 2005 bis 2017 Redaktionsleiterin.

Man kann ihr auch sagen: «Hey Mercedes, mir ist kalt» und sie schraubt die Heizung hoch. Oder man bittet sie: «Hey Mercedes, stell das Ambientelicht auf rot.» Brav tut sie, wie ihr befohlen. Aber wenn man ihr sagt, sie soll den nächsten Bäcker auf der Route ansteuern, führt sie einen in die Pampa. Und die simple Frage, auf welcher Seite der Tankdeckel ist, bringt sie durcheinander.

Gäbig, geben die Programmierer den Assistenten immer Frauennamen. Dann scheint auch logisch, dass das sprechende Ding eine schlechte Orientierung und technisch keine Ahnung hat. Derweil einfach die ProgrammiererInnen nicht gut genug waren. Mercedes sei noch jung, heisst es beim Unternehmen, und noch am Lernen.

Brav tut sie, wie ihr befohlen. Aber wenn man ihr sagt, sie soll den nächsten Bäcker auf der Route ansteuern, führt sie einen in die Pampa. Und die simple Frage, auf welcher Seite der Tankdeckel ist, bringt sie durcheinander. Gäbig, geben die Programmierer den Assistenten immer Frauennamen. Dann scheint auch logisch, dass das sprechende Ding eine schlechte Orientierung und technisch keine Ahnung hat. Derweil einfach die ProgrammiererInnen nicht gut genug waren. Mercedes sei noch jung, heisst es beim Unternehmen, und noch am Lernen.

Auf jeden Fall bekommt sie von «auto motor sport» die besten Noten. Besser als Siri (Apple) oder Alexa (Amazon), auf die andere Automarken setzen. Die beiden finden sich im Auto laut «auto motor sport» miserabel zurecht.

Sie können nicht einmal die Klimaanlage bedienen, dafür sind sie besser in allem, was nicht direkt mit dem Auto zu tun hat.

Zuverlässig sagen sie, wo das nächste Restaurant ist, machen Musik oder verschicken Whatsapp-Nachrichten – Sachen, die für den modernen Menschen existenzieller sind als das Rotlichtambiente. Und vor allem Fähigkeiten, die den Strassenverkehr real sicherer machen, weil die LenkerInnen nicht mehr auf dem Handy rumfummeln müssen. Danke Siri, danke Alexa.

In ein paar Jahren werden Mercedes, Siri und Alexa so gut sein wie K.I.T.T. und fast alles können, was der schwarze Pontiac konnte (ausser vielleicht Geld ausgeben, hatte K.I.T.T. doch einen Geldautomaten integriert). Die drei Ladies werden aufholen – nicht wegen der Gleichberechtigung, sondern wegen der Bequemlichkeit ihrer BesitzerInnen.

In manchen Dingen werden sie gar besser sein als K.I.T.T. Das schwarze Gefährt konnte lediglich Telefongespräche mitschneiden und zurückverfolgen. Die Ladys werden indes alles aufzeichnen, was in und um den Wagen abgeht.

Wie K.I.T.T werden sie im Namen der Gerechtigkeit unterwegs sein. Der schwarze Wagen hat Bösewichte ausserhalb von Recht und Ordnung gejagt. Die Ladys werden ihre eigenen BesitzerInnen ausspionieren. Das ist jetzt keine Neuigkeit. Daran hat man sich schon gewöhnt. Neu ist nur, dass Regierungen Gesetze vorbereiten, die es ermöglichen, direkt auf das Wissen der Damen zuzugreifen.

Die deutsche Innenministerkonferenz hat beschlossen, ein entsprechendes Gesetz zu machen. Dann wird es erlaubt sein, die Daten, die die Ladies über uns gespeichert haben, auch als Beweismittel vor Gericht zu verwenden.

Wenn das Realität wird, leben wir in der schönen neuen Welt, die wir selber verwanzt haben.

Gerhart Baum hat dagegen auf «netzpolitik.org» einen zornigen Artikel geschrieben. Der deutsche FDP-Politiker war Ende der 1970er Jahre Bundesinnenminister. Vor rund zehn Jahren hatte er zusammen mit anderen Personen vor dem Bundesverfassungsgericht ein epochales Urteil erstritten. Damals schuf das Gericht ein neues Grundrecht: Das sogenannten Computergrundrecht. Es schützt die persönlichen Daten, die digital erfasst sind, vor dem Zugriff des Staates. Baum schreibt, sollte das angedachte Gesetz wirklich kommen, «werden wir unverzüglich das Bundesverfassungsgericht erneut anrufen». Er warnt aber auch, dass es nicht reicht «Angriffe des Staates abzuwehren». Die Internetriesen luchsen uns unsere Daten ab. Damit verletzen sie deutsches Recht, wie Baum konstatiert. Der Gesetzgeber müsste die Allgemeinheit davor schützen. «Das ist bisher nicht geschehen», klagt Baum.

Jetzt sind wir nicht in Deutschland, und reden nicht mit dem Auto, weil wir keines haben. Aber ein solches Computergrundrecht wäre nicht zu verachten, selbst wenn es noch nicht leistet, was es müsste.

Susan Boos

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