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Kommentar

Abschaffung der Doppelnationalitäten: Integration kostet und dauert

Der vieldiskutierte Torjubel unserer Fussballer erinnert uns daran, dass jeder Migrant eine zweite Heimat hat. Auch dann, wenn er nur einen Pass besitzt.
Thomas Bornhauser
Thomas Bornhauser, Autor

Thomas Bornhauser, Autor

Viele bei uns hatten im ersten Moment wohl kaum begriffen, was genau passiert war: Nach seinem Tor gegen Serbien suchte Granit Xhaka nicht den Jubel mit seinen Teamkameraden. Stattdessen drehte er ab in Richtung Publikum und machte dort mit verschränkten Händen eine Geste, die «richtigen» Schweizern bis dato kaum geläufig war. Doch so ist das mit der weltumspannenden Sportart Fussball. Mit einem Schlag wurde die Welt an die Sezessionskämpfe im zerfallenden Jugoslawien erinnert. Bei vielen Schweizern folgte Irritation. Bevor dann wieder Fussballtaktisches übernahm. Ob Xhaka und Shakiri für ihre politischen Gesten wohl gesperrt würden? Der Schweizer Fussballverband erschöpfte sich derweil in verbalen Belanglosigkeiten.

Seit Donnerstag aber ist das anders. Jetzt hat sich der Generalsekretär des Fussballverbandes, Alex Miescher, zu Wort gemeldet. Er wolle zur Diskussion stellen, ob Fussballer mit mehreren Nationalitäten sich künftig schon früh für einen Pass entscheiden sollten. Seit diesem Vorschlag ist Miescher der bekannteste Fussballfunktionär der Schweiz. Es hagelt Reaktionen. Die meisten fallen kritisch bis vernichtend aus. Die NZZ zum Beispiel bezeichnet Mieschers Vorschlag als «gefährliche Schnapsidee».

Wirklich? Der 50-jährige Miescher, Volkswirt und Militärpilot, ist kein Ahnungsloser. Miescher weiss, dass viele in der Schweiz der aktuellen Fussballnati gegenüber skeptisch sind. Persönlich erinnere ich mich an das Vorbereitungsspiel gegen den WM-Teilnehmer Panama am 27. März in Luzern. Unsere Nati spielte aus einem Guss und siegte scheinbar mühelos 6:0. Doch es brauchte kaum mehr als eine misslungene Aktion, und schon ging das Murren auf den Rängen los. Es mangelt offensichtlich an emotionaler Bindung zwischen Akteuren und Publikum. Viele «richtige» Schweizer fühlen sich von dem Team mit seinen vielen Migranten offenbar nicht vertreten.

Ist das verwerflich? Auch das Fussballpublikum ist in seiner Zuneigung frei. Doch wenn das Herz nicht will, kann der Rückgriff aufs Denken weiterführen. Ist das aktuelle Schweizer Team mit seinen vielen Doppelbürgern nicht auch ein wunderbares Kompliment an die Schweiz und ihre Integrationskraft? Hier, in diesem kleinen Land, sind mit Fleiss und Talent grosse Karrieren möglich. Auch wenn man von ganz unten oder ziemlich weit weg kommt. An der WM gibt es – abgesehen von Belgien oder Frankreich – kaum ein anderes Team, das so bunt zusammengesetzt ist wie die Schweiz.

Im Falle «unserer» Secondos kommt hinzu, dass sie wie kaum jemand sonst aus der Generation heutiger WM-Kicker wissen, was Bürgerkrieg bedeutet. Einer wie Xhaka hat einen Vater, der für seine politischen Überzeugungen im Balkan im Gefängnis sass. Sein Sohn Granit zeigt jetzt der Welt, was in seiner Familie steckt. Wer das Glühen in seinen Augen nach seinem Wundertor gesehen hat, erahnt, dass diese Emotion am Anfang seines Exploits stand. Das ist der Kick, der aus Fussballern das Beste herausholen kann. Xhaka hat es vollbracht, zu Gunsten der Schweiz.

Gleichzeitig erinnern uns diese Fussballer daran, dass jeder Migrant eine zweite Heimat hat. Auch dann, wenn er nur einen Pass besitzt. Die Identität ist weniger auf dem Papier als im Herzen zu Hause. Das Herz aber braucht Zeit für die Veränderungen des Lebens. Integration kostet. Mehr als alles andere Zeit. Dank Doppeladler und dank Miescher gewinnt diese Erkenntnis bei uns jetzt hoffentlich an Verankerung.

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