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Kommentar

Ja, Herrgott nochmal, man darf fürs Klima streiken und in die Ferien fliegen!

Liebe Klima- und Umweltaktivisten-Kritiker, dieser Text ist für euch. Denn man kann sehr wohl für Klimaschutz kämpfen, ein Smartphone besitzen und in ein Flugzeug steigen.
Helene Obrist / Watson
Demonstrieren für eine bessere Zukunft: Schüler streiken in St.Galle für den Klimaschutz. (Bild: Mareycke Frehner)

Demonstrieren für eine bessere Zukunft: Schüler streiken in St.Galle für den Klimaschutz. (Bild: Mareycke Frehner)

Dieser Text erschien erstmals auf watson.ch

Liebe User, wir müssen reden. Es gibt da etwas, das macht mich richtig wütend.

Da ist zum Beispiel die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, die mit ihrem Schulstreik gegen den Klimawandel Schüler auf der ganzen Welt inspiriert und politisiert. Thunberg reiste im Februar 65 Stunden von Schweden nach Davos, um das World Economic Forum zu besuchen. Während die schwedische Aktivistin Stunden auf Schienen durch vier Länder fuhr, wurde sie in den sozialen Medien kübelweise mit Häme überschüttet. Wegen ihrem Smartphone, mit dem sie sich über Twitter äusserte. Oder wegen des Plastiks, der ihre veganen Snacks während der langen Reise frisch hielt.

Ähnlich ergeht es den Schülerorganisationen, die sich auf den hiesigen Strassen für den Klimaschutz stark machen. «Für’s Klima kämpfen, aber in den nächsten Schulferien nach Mallorca jetten» gifteln User in den sozialen Netzwerken. «Was macht die Jugend denn konkret, um ihren CO2-Fussabdruck zu verkleinern?» munkelt man am Stammtisch.

Warum sollen Menschen, die sich Gedanken über Konsum und Umwelt machen, wie sündenfreie Superhelden leben?

Solche Aussagen machen wütend.

Warum sollen Menschen, die sich Gedanken über Konsum und Umwelt machen, wie sündenfreie Superhelden leben?

Es scheint, als fühlten sich die Urheber solcher Aussagen angegriffen. Als könnten sie ihr eigenes Gewissen damit reinigen, indem sie mit den Fingern auf die Klimaaktivisten deuten und ihr vermeintliches Fehlverhalten entlarven.

Wer so argumentiert, hat die Essenz der ganzen Nachhaltigkeitsdebatte nicht verstanden. Natürlich ist es nie falsch, bei sich selbst zu beginnen. Sich Gedanken über den eigenen Konsum zu machen und sich zu fragen: Muss ich wirklich mit dem Flugzeug nach Berlin fliegen oder nehme ich nicht besser den Zug?

Mit individuellen Entscheidungen und Einschränkungen ist der Klimawandel aber nicht zu stoppen. 71 Prozent der klimaschädlichen CO2-Emissionen seit 1988 gehen auf das Konto von gerade 100 Firmen, darunter Öl- und Gasriesen wie ExxonMobile, BP und Shell.

In Europa ist Deutschland für mehr als 18 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Grund dafür: Die hohe Abhängigkeit des Landes vom Kohlestrom. In der Schweiz sind die drei Zementwerke von LafargeHolcim die grössten Klimasünder. Pro Jahr stossen sie 1,4 Millionen Tonnen CO2 aus. Zum Vergleich: Bei einem Einfamilienhaus mit Ölheizung sind es jährlich 5 Tonnen CO2. Ja, die produzierten Produkte dieser Firmen landen in den meisten Fällen beim Endverbraucher. Doch unser Einfluss darauf, woher beispielsweise Strom kommt, ist begrenzt. Und, um den Flugverkehr nicht zu vergessen: Internationale Flüge sind von der Mehrwertsteuer befreit. Es gibt weder eine Kerosinsteuer noch eine Energiesteuer. Ändern kann man das nur über die Politik.

Wir werden den Klimawandel nicht mit unserem individuellen Verzicht auf Tierprodukte, Plastik, Smartphones und Flugreisen stoppen können. Es braucht einen Systemwandel. Und genau das fordert die Klimajugend – «System change not climate change». Die Klimaaktivisten dafür zu verurteilen, Teil des Systems zu sein, das sie bekämpfen, ist an Absurdität kaum zu übertreffen.

Hört auf, mit euren moralinsauren Aussagen eine Bewegung zu demontieren, die für eine bessere Zukunft kämpft.

Man kann sich sehr gut für Klimaschutz stark machen und ein Smartphone haben. So wie man auch gegen Massentierhaltung sein kann und hin und wieder ein Stück Fleisch geniessen kann. Und auch wer für eine liberale Flüchtlingspolitik einsteht, muss nicht einen Geflüchteten bei sich zu Hause aufnehmen, um glaubwürdig zu sein.

Darum, direkt an euch, liebe hämische Kritiker: Hört auf, mit euren moralinsauren Aussagen eine Bewegung zu demontieren, die für eine bessere Zukunft kämpft. Bei Aktivismus geht es immer um das Bigger Picture. Freut euch stattdessen darüber, dass die Jugend ihre politische Lethargie überwunden hat und kämpft – für sich und allen voran auch für euch!

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