Kommentar «Chefsache»
Neun Coronatote im Altersheim – Lügen, Verantwortungslosigkeit und Heuchelei

In einem Altersheim in Giswil (OW) wird die gesetzlich vorgeschriebene Maskenpflicht für Pflegende ausgesetzt und die Impfquote der Betagten ist sehr tief. Dann sterben innert wenigen Tagen neun Menschen mit Corona, sechs davon waren ungeimpft - die Polizei ermittelt. Und was tut die Heimleitung? Sie versucht die Situation schönzureden. Es braucht jetzt eine schonungslose Aufklärung durch die Behörden.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
Jérôme Martinu, Chefredaktor 9 Kommentare
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Das Alterszentrum dr Heimä in Giswil steht unter öffentlicher Beobachtung.

Das Alterszentrum dr Heimä in Giswil steht unter öffentlicher Beobachtung.


Bild: Eveline Beerkircher/Luzerner Zeitung (Giswil, 26. Oktober 2021)

In vielen Schweizer Alters- und Pflegeheimen ist es während der Coronapandemie traurigerweise zu Phasen gehäufter Todesfälle gekommen. Auch im Alterszentrum Dr Heimä in Giswil (OW) hat es jetzt eine solche Häufung gegeben: Neun Menschen sind innert drei Wochen mit Covid gestorben, fast ein Fünftel der Betagten. Weitere sieben sind erkrankt und befinden sich in Isolation.

Der Fall rüttelt darum schweizweit auf, weil gemäss aktuellem Wissenstand die gesetzlich geltende Maskenpflicht für das Pflegepersonal von der Heimleitung aufgehoben wurde und weil die Impfbemühungen offenkundig zu schwach waren. Die Polizei ermittelt derzeit, ob es zu strafbaren Handlungen gekommen ist. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Besonders irritierend: Der Heimleiter hat nicht nur zu lange seine Auskunftspflicht gegenüber dem Gesundheitsamt nicht erfüllt, er hat zuerst auch die Öffentlichkeit angelogen. Er hatte behauptet, die ersten sechs Todesfälle seien auf Impfdurchbrüche zurückzuführen und dies verheisse für die Wirkung des Vakzins nichts Gutes. Tatsache ist: Von neun Verstorbenen waren bloss drei geimpft. Überhaupt sind von den 50 Heimbewohnern, natürlich allesamt Risikopersonen, nur deren 32 geimpft. Diese Impfquote von 64 Prozent ist laut Gesundheitsdirektorin Maya Büchi sogar tiefer als in der gleichen Altersgruppe im impfskeptischen Obwalden.

Heimleitung und Stiftungsrat sagen nun, sie hätten die geltende Maskenpflicht fürs Pflegepersonal als blosse «Empfehlung» verstanden und darum zeitweise ausgesetzt. Eine Schutzbehauptung. So etwas nach inzwischen 20 Monaten Pandemie geltend machen zu wollen, ist völlig unglaubwürdig. Es zeigt, dass Heimleiter Daniel Kiefer sowie Stiftungsratspräsident und Kantonsrat Albert Sigrist (SVP) ihre Verantwortung für den bewusst fehlerhaften Umgang mit der Maskenpflicht relativieren wollen.

Klar ist: Zuständig für die Einhaltung der Covid-Schutzmassnahmen ist der Kanton. Wie streng oder ob überhaupt in den Heimen kontrolliert wurde und wird, ist unklar. Gesundheitsdirektorin Büchi wich dieser Frage aus. Überhaupt tut man sich in diesem Fall schwer mit Informationen. Erst nach Tagen und mit steigendem öffentlichen Druck waren Auskünfte zu erhalten.

Insgesamt sind zu viele Fragen offen in einer öffentlichen Institution, die Menschen mit einem speziellen Schutzbedürfnis in ihrer Obhut hat. Alte, schwache Menschen, die zum Teil nur noch über eine eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit verfügen. Dass die Heimleitung sagt, der Verzicht auf Masken sei mit den Betagten ohne Gegenstimme abgesprochen gewesen, das ist vor diesem Hintergrund grotesk.

Betont sei an dieser Stelle aber ausdrücklich auch dies: Es gibt derzeit keinerlei Hinweise darauf, dass im «Dr Heimä» die Pflegenden generell ihren Pflichten ungenügend nachgekommen sind oder dass es den Bewohnerinnen und Bewohnern im Altersheim schlecht ergangen ist.

Nichtsdestotrotz: Eine schonungslose Aufklärung der Vorgänge im Pandemie-Regime in und um das Giswiler Alterszentrum ist angesichts der bisher bekannt gewordenen Umstände das Mindeste.

Die Obwaldner Strafuntersuchungs- und Gesundheitsbehörden schulden den Hinterbliebenen, den Bewohnerinnen und Bewohnern mit ihren Angehörigen sowie der Bevölkerung Transparenz.

Und als sei das alles nicht schon genug schlimm, erdreistete sich am Mittwochabend eine Gruppe Freiheitstrychler, sich beim Altersheim zu inszenieren und die Verstorbenen für politische Ziele zu missbrauchen. Mit Fackeln und Gesang traten sie auf, um den Toten zu gedenken und um sich solidarisch mit der Heimleitung zu zeigen. Bekanntlich schwingt diese Gruppierung die Kuhglocken, um gegen Schutzmassnahmen, Impfkampagne und Zertifikatspflicht anzukämpfen. Der zynische Auftritt ist der Gipfel der Respektlosigkeit, eine Heuchelei sondergleichen. Der Grossteil der neun Verstorbenen war bekanntlich ungeimpft.

9 Kommentare
Remigi Odermatt

An PK: Man kann auch lebenswürdig und menschlich mit den Mitmenschen umgehen und trotzdem die elementarsten Schutzmassnahmen einhalten. Wer gegenüber schutzwürdigen Personen nicht vorsichtig ist oder sie gar mit seiner Impskepsis davon abhält, sich zu impfen, handelt unmenschlich.

Alois Amrein

Ihr Kommentar ist noch weniger hilfreich, weil Sie die Corona-Pandemie verharmlosen. Sie haben leider noch immer nicht begriffen, dass das Coronavirus tödlich ist, vor allem für Ungeimpfte.

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