Kommentar
Eigenverantwortung funktioniert jetzt – und ist hochgradig unfair

Es ist vorbildlich wie gewisse Unternehmen und Schulen nun selber die Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus ergreifen. Alle anderen Angestellten und die Jungen haben Pech.

Sabine Kuster
Sabine Kuster
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Alain Berset erklärte gestern, dass keine Massnahmen ergriffen werden.

Alain Berset erklärte gestern, dass keine Massnahmen ergriffen werden.

Peter Schneider/Keystone

Ein Hoch auf die Eigenverantwortung - jetzt funktioniert sie endlich: Der Bundesrat beschliesst keine Massnahmen, aber die Versicherungskonzerne Swiss Re und Zurich haben firmenintern 3G-Pflicht beschlossen, die SBB schickt jene Angestellten, die nicht an der Front stehen, wieder ins Homeoffice. Auch im Privaten verhalten sich manche Bürgerinnen und Bürger vorsichtiger, als sie gezwungen wären. So trugen am Dienstag bei einem Augenschein im Zürcher Landesmuseum rund 80 Prozent der Besucher Maske, obwohl sie durch die Zertifikatspflicht davon befreit waren.

Alles wunderbar? Haben wir nach fast zwei Jahren nun begriffen, wie man eine Pandemie eindämmt? Man könnte fast denken, wir brauchten keine Verordnungen von oben mehr. Jedenfalls wenn man Einiges ausblendet. Zum Beispiel, dass gerade jene Kantone keine Massentests an Schulen einsetzen, wo das Virus am stärksten kursiert und von wo folglich am meisten Patienten in die Spitäler eingeliefert werden. Wenn man ausserdem ausblendet, dass die Angestellten ihren Vorgesetzten ausgeliefert sind, wenn diese finden, man könne auch mit täglich 8000 Neuansteckungen in der Schweiz weitermachen wie bisher.

Bundesrat Alain Berset selbst sagte am Dienstag, er bremse seine Aktivitäten automatisch, wenn das Virus stark kursiere und fragte: «Spüren Sie das auch?» Bestimmt spüren das einige und sagen geplante Treffen ab. Es sind aber eher nicht die falschinformierten oder unerschrockenen Ungeimpften. Und auch nicht die Jungen, die schon längst keine Lust mehr haben sich wegen eines Virus einzuschränken, das vor allem ungeimpfte Ältere ins Spital bringt.

Eigenverantwortung ist bei einem ansteckenden Virus eine unfaire Strategie. Wer zufällig nicht zu den Bürolisten gehört hat Pech, wer zufällig nicht in einem Kanton mit Massentests an Schulen wohnt ebenfalls. Denn Geimpfte erkranken zwar selten schwer - aber das Risiko für neurologische Langzeitfolgen besteht gerade bei milden Erkrankungen.

Abgesehen davon schürt der Massnahmen-Flickenteppich, der zwangsläufig entsteht, den Unmut der Bevölkerung: Warum muss der sich morgens nicht testen lassen, ich aber schon? Warum ist mein Kind durch Maskenpflicht an Schulen nicht geschützt, aber im Kanton Graubünden schon? Der Bundesrat tut grad so, als wäre die Schweiz für sich nicht schon eine ultrakleine Zelle in einer globalen Krise.

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