Gastkommentar
Teure Originalpräparate statt Biosimilars: Bei der Medikamentenwahl wird zu wenig kostenbewusst entschieden

Würden Ärzte, Apotheken und Spitäler konsequenter kostengünstigere, biotechnologisch hergestellte Medikamente verwenden, könnten jährlich rund 100 Millionen Franken eingespart werden. Den Kostenanstieg in der Krankenversicherung können wir beeinflussen.

Pius Zängerle
Pius Zängerle
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Biosimilars sind in ihrer Wirksamkeit den Originalpräparaten gleich­wertig. Dennoch werden sie in der Schweiz viel zu wenig ein­gesetzt. (Symbolbild)

Biosimilars sind in ihrer Wirksamkeit den Originalpräparaten gleich­wertig. Dennoch werden sie in der Schweiz viel zu wenig ein­gesetzt. (Symbolbild)

Keystone

Konkurrenz belebt das Geschäft. Im konkreten Fall macht das Pharmaunternehmen Roche die Konkurrenz für einen Teil seiner Umsatzeinbussen verantwortlich. Im Fokus steht in erster Linie die Medikamentengruppe der Biosimilars, die vor zwölf Jahren im Schweizer Markt eingeführt wurden. Die Macher hinter den Biosimilars sind bestrebt, bei Patentablauf von teuren Originalpräparaten den Pharmamarkt mit kostengünstiger hergestellten Biologika, also biotechnologisch hergestellten Medikamenten, zu beleben.

Zur Person

Pius Zängerle
David Avolio

Pius Zängerle

Direktor von curafutura – den vier Krankenversicherern CSS, Helsana, Sanitas und kpt.

Davon profitieren in erster Linie die Prämienzahlerinnen und Prämienzahler. Denn Biosimilars könnten insbesondere bei den teuren Medikamenten zur Behandlung von Krebs- und Autoimmunerkrankungen eine starke Rolle spielen. Es sind im Prinzip diese beiden Sparten, die zu einem Grossteil für die jähr­lichen Kostensteigerungen bei der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) verantwortlich sind. Im Jahr 2020 beispielsweise entfielen beinahe 75 Prozent des Kostenanstiegs von 300 Millionen Franken in der OKP auf die Behandlung von Krebs- und Autoimmunerkrankungen.

Sie wirken gleich wie die Originalpräparate

Während der Chef der Pharmasparte von Roche jüngst an der Medienkonferenz den Biosimilar-Effekt als ein vor­übergehendes Phänomen bezeichnete, dürfen Prämienzahlerinnen und Prämienzahler auf den Beginn einer neuen Ära hoffen. Denn Biosimilars sind in ihrer Wirksamkeit den Originalpräparaten gleich­wertig, so wie dies auch bei Generika der Fall ist, die synthetisch hergestellt werden. Beide werden vor der Zulassung von Swissmedic geprüft. Und dennoch werden sie in der Schweiz viel zu wenig ein­gesetzt.

In einer von biosimilar.ch veröffentlichten Studie kommen die Verfasser zum Schluss: Würden Ärzte und Apotheker, aber auch Spitäler, noch konsequenter auf Biosimilars setzen, könnten jährlich rund 100 Millionen Franken eingespart werden.

Zwei Problembereiche existieren

Wo also hapert es? Und warum fragen wir alle nicht konsequenter nach einem vergleichbaren günstigeren Medikament?

Fallstrick Nummer eins ist einem groben Fehlanreiz geschuldet. Denn im heutigen System verdienen Leistungs­erbringer umso mehr, je höher der Fabrikationspreis des Medikaments ist. Entsprechend haben sie einen direkten Anreiz, ein Originalpräparat anstelle eines kostengünstigeren Biosimilars oder Generikums abzugeben.

Damit im Zusammenhang steht, dass wir – sobald wir selber Patientin oder Patient sind – möglichst schnell genesen wollen. Dabei vertrauen wir bei der Medikamentenauswahl dem Arzt oder Apotheker. Entsprechend spielt der Kontroll­mechanismus von uns Patientinnen in dieser Hinsicht zu wenig. Nachdem wir nach wie vor eines der besten Gesundheitssysteme der Welt haben, und uns dies auch viel kosten lassen, sind wir überdies nicht bereit, als erstes bei uns selber zu sparen.

Ein zweiter Fallstrick lauert bei den Pharma­firmen. Um ihre Medikamente möglichst lange im Markt zu halten, sind sie darauf bedacht, auf ihren Medikamenten Patentrechte mit möglichst langer Laufzeit zu realisieren. Denn nur bei Ablauf eines Patentes ist es einer anderen Firma überhaupt möglich, ihr eigenes, wirkungsgleiches Medikament auf den Markt zu bringen. Die Pharmafirmen sind sehr erfinderisch, wenn es darum geht, die Lebensdauer eines Medikamentes zu verlängern. Ob nun eine Tablette durch eine Injektion ersetzt wird, oder umgekehrt, spielt keine Rolle. Es geht einzig um das Ziel, die Lauffrist des Patentes und damit der gesicherten Einnahmen auszudehnen.

Selber nach dem billigeren Medikament fragen

Um dieser Negativspirale zu entkommen, müssen das Departement des Inneren und das BAG handeln und als erstes die Vertriebsmargen anreizneutral ausgestalten. Denn hier liegt ganz klar der grösste Hund begraben. Doch bis dieser Fehlanreiz behoben ist, werden hunderttausende weiterer Medikamente verabreicht werden.

In der Zwischenzeit tun Prämienzahlerinnen und Prämienzahler gut daran, das fehlerhafte Anreizsystem so gut wie möglich selber auszuhebeln, indem sie Ärztin und Apotheker stets nach einem günstigeren, aber genauso guten Biologikum oder Generikum fragen.