Kommentar

Mehr Bierideen

Jérôme Martinu über die Vielfalt unserer Biersorten. Und warum es wichtig ist, dass wir darüber diskutieren können, welche Variante am Besten schmeckt.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
Hören
Drucken
Teilen
Jérôme Martinu

Jérôme Martinu

Mögen Sie lokales Bier? Helles, dunkles, klares, trübes, ober- oder untergäriges? Vielleicht gar Spezialsorten wie das fruchtig-starke India Pale Ale? Ob Liebhaber oder Gelegenheitsgeniesser: Man ist reich gesegnet heutzutage. Wie der Schweizer Brauerei-Verband jetzt mitteilt, sinken die Importe und einheimischer Gerstensaft gewinnt zusehends Land: 95 Prozent des hiesigen Gerstensaftes stammen zwar aus 25 Grossbrauereien. Inzwischen gibt es aber rund 1100 Kleinst- und Mikrobrauereien in der Schweiz. 1992 waren es gerade mal deren 32...

Dass es sich bei Bier – schätzungsweise 4000 bis 5000 Sorten umfasst die Palette – gut diskutieren und debattieren lässt, darf als gesichert gelten. Und bestimmt ist auch die Annahme nicht falsch, wonach die Meinungen in geselliger Bierrunde ähnlich variabel sein können, wie das hiesige Gerstensaftangebot breit ist.

Allerdings ist es so eine Sache mit der Meinungsvielfalt. Sie ist zwar zweifellos vorhanden. Die Beobachtung zeigt aber eine heikle Tendenz: Im öffentlichen Diskurs sinkt die Bereitschaft, sich auf Meinungen einzulassen, die von der eigenen abweichen. Der Ton wird schärfer, respektloser, intoleranter. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich! Und gehört angeprangert, diffamiert, beschimpft. Die Folge: Die in unserer direkten Demokratie so wichtigen Debatten verarmen, die Redefreiheit leidet, es droht der Rückzug in die jeweilige Meinungsblase. Es ist also wie beim Gerstensaft: Auch wenn einem nicht alle Sorten schmecken, die Vielfalt der Bierideen ist bereichernd.