Per Autostopp um die Welt

Nicht nur Politik, auch Party ist ein Teil der Wahrheit

Autostöppler Thomas Schlittler hat es nach seiner Autostopp-Pause in Bangkok nach Myanmar gezogen. Dort wird er mit seinem Kumpel Tschügge Zeuge des Neujahrfestes von Myanmar. Per Autostopp um die Welt – Woche 47: Von Magway (Myanmar) nach Mandalay (Myanmar).

Thomas Schlittler*
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Zum Stadtbild gehören wie überall in Myanmar auch in Mandalay buddhistische Mönche

Zum Stadtbild gehören wie überall in Myanmar auch in Mandalay buddhistische Mönche

Thomas Schlittler

Letzte Woche habe ich euphorisch darüber berichtet, wie ich das Wasserfest in Myanmar erlebt habe. Es ging um freundliche, feuchtfröhlich feiernde Menschen, eine Street-Parade auf Myanmar-Art. Daraufhin empörte sich ein Leser: «Warum steht da kein Wort über die Rohingya? Weisst du es nicht, oder ist es dir egal?»

Weder noch. Ich weiss, dass die Rohingya eine muslimische Minderheit in Myanmar sind, die seit Jahrzehnten verfolgt und unterdrückt werden. Und es ist mir nicht egal, dass sie schon seit vielen Generationen in Myanmar leben und trotzdem als illegale Einwanderer gelten, denen die Staatsbürgerschaft und grundlegende Rechte verweigert werden.

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Doch der Punkt ist: Ich habe lediglich darüber gelesen. Auf unserer bisherigen Autostopp-Reise durch Myanmar haben mein Kumpel Tschügge und ich vom Schicksal der Rohingya nichts mitbekommen – obwohl wir letzte Woche an der Westküste unterwegs waren, also genau dort, wo die meisten Rohingya leben. Auch dass in Myanmar die Militärregierung, die das Land seit 1962 mit eiserner Hand regierte, einen Teil ihrer Macht abgegeben hat, ist eine aufsehenerregende Entwicklung. Doch vom Triumph der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi und ihrer Partei, der in der westlichen Presse gefeiert wurde, haben wir hier ebenfalls nichts bemerkt.

Von Myingyan nach Mandalay: Mit Thai (links) geht es dann ans Wochenziel. Was mich besonders freut: Seine Grossmutter (rechts) hat Thanaka im Gesicht.
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Von Bagan nach Myingyan: (Taxi-)Fahrer Soo: «Ich muss meine Bosse fragen, ob ihr mitkommen könnt.» Keiko und Mu (hinten), beide ursprünglich aus Japan, willigen ein.
Von Magway nach Yenangyaung: Nach anstrengenden Wasserfest-Tagen geht es flott weiter. Wir haben unsere Rucksäcke noch an, als diese beiden Herren halten.
Von Kyauk Padaung nach Bagan: Diese kleine Familie fährt uns direkt zu einem Tempel. Sie fahren wie wir als Touristen in die ehemalige Königsstadt Bagan.
Von Stadtrand Yenangyaung nach kleines Kaff: Dieser Herr fährt uns zwar nicht weit, befreit uns aber von einem Taxi-Fahrer, der uns eine Fahrt andrehen wollte.
Von kleines Kaff nach Kyauk Padaung: Bei dieser Grossfamilie spielt der Ausländer-Bonus wieder. Sie machen mehr Fotos von uns als wir von ihnen.
Von Yenangyaung nach Stadtrand Yenangyaung: Diese kleine Familie hat sich kaum für uns interessiert.Das sind wir uns gar nicht mehr gewöhnt nach den letzten Tagen.

Von Myingyan nach Mandalay: Mit Thai (links) geht es dann ans Wochenziel. Was mich besonders freut: Seine Grossmutter (rechts) hat Thanaka im Gesicht.

Thomas Schlittler

Der Grund liegt auf der Hand: Die meisten Menschen führen ihr ganz normales Leben – egal, was passiert. Bauern beackern Felder. Händler verkaufen Waren. Lehrer unterrichten Schüler. Taxifahrer transportieren Leute. Sie müssen Geld verdienen, unabhängig davon, ob in einigen Teilen des Landes Jagd gemacht wird auf religiöse Minderheiten oder ob in der Hauptstadt politisches Tauwetter herrscht.

Als Tourist bekommt man deshalb von scheinbar grossen, einschneidenden Veränderungen in einem Land in der Regel nichts mit. Man kann das auch auf die Schweiz münzen: Ob die Masseneinwanderungsinitiative nun angenommen oder die Durchsetzungsinitiave abgelehnt wird – die Chinesen knipsen auf dem Jungfraujoch so oder so unbeschwert ihre Fotos. Selbst wenn sie per Autostopp durch die Schweiz reisen würden, würden sie von der politischen Spaltung des Landes wahrscheinlich nichts mitbekommen.

Die Medien berichten meist nur über politische Veränderungen, die Verfolgung von Minderheiten, Flüchtlingswellen, Umweltkatastrophen und Terroranschläge. Solche Ereignisse dominieren die internationalen Schlagzeilen und prägen das Bild eines Landes in
der Welt – obwohl meist nur eine bestimmte Region sowie ein kleiner Teil der Bevölkerung betroffen sind.

Das Highlight dieser Woche ist die historische Königsstadt Bagan mit über zweitausend erhaltenen Sakralgebäuden aus Ziegelstein
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Das Königreich hatte seine Blütezeit im 11.&12. Jahrhundert. Die einzelnen Tempel sind jedoch nicht so herausragend, dass man sich ein Leben lang an sie erinnern würde
Auch Wandmalereien habe ich schon beeindruckendere gesehen
Einzigartig wird Bagan erst durch die unglaubliche Anzahl an Tempeln sowie durch die Grösse des Geländes_Auf über 36km2 verteilen sich die Sakralbauten
Diese Ausmasse und die perfekte Einbettung in die Natur machen Bagan definitiv zu einem der schönsten Orte, die ich je gesehen habe
Wenn dann auch noch eine Ziegen- oder Kuhherde zwischen den Tempeln hindurchschlendert ...
... und kräftig Staub aufwirbelt - dann wird Bagan gar so richtig magisch
Diese Schönheit ist in Myanmar natürlich längst kein Geheimnis mehr. Bei Sonnenuntergang sind wir deshalb nicht alleine ...
In grossen Bussen werden die Touristen herangekarrt. Erstaunlich ist jedoch ...
... dass es sich bei den meisten Touristen um Einheimische handelt. Zumindest um diese Jahreszeit - und kurz nach dem Wasserfest
Nach so viel Magie hat die Millionenstadt Mandalay einen schweren Stand. Zwar gibt es auch in Mandalay - und rund herum - einiges zu sehen
Doch weder der Königspalast und der Mandalay-Berg ...
... noch der nahegelegene Sagaing-Hügel mit seinen vielen goldenen Stupas ...
... noch Inwa, die nahegelegene alte Hauptstadt des früheren Königreiches Ava, können Bagan auch nur annähernd das Wasser reichen
Auch die Mahamuni-Pagode geht eher unter 'more of the same'. An all diesen Plätzen macht aber etwas besonders Spass_People-Watching
Zu beobachten, wie Einheimische zu einem goldenen Buddha pilgern, ist immer wieder faszinierend
Aber die Gläubigen beten nicht nur, sondern beschäftigen sich auch mit ganz weltlichen Dingen
Um die Mittagszeit ist der Tempel auch ein beliebter Ort für ein Nickerchen
Draussen auf den Strassen Mandalays geht derweil alles seinen gewohnten Gang ...
Zum Stadtbild gehören wie überall in Myanmar auch in Mandalay buddhistische Mönche
Endlich habe ich den Beweis gefunden_Die 'Frisur' sitzt auch bei den Mönchen nicht von alleine
Etwas ausserhalb der Stadt, in der alten Hauptstadt Inwa, kann man Bauern beobachten, die ihre Arbeit noch auf sehr traditionelle Weise verrichten.
Hier dreht sich die Erde noch etwas gemächlicher

Das Highlight dieser Woche ist die historische Königsstadt Bagan mit über zweitausend erhaltenen Sakralgebäuden aus Ziegelstein

Thomas Schlittler

Diese Diskrepanz zwischen medialer Wahrnehmung und Wirklichkeit ist mir auf meiner Reise schon in vielen Ländern aufgefallen: Die ganze Welt berichtet über den Krieg in der Ostukraine – als Reisender erlebe ich aber nicht Krieg, sondern volle Bars in Kiew, Lwiw und Odessa, in denen die Menschen feiern. In Mazedonien bekomme ich vom Flüchtlingschaos an den Grenzen nichts mit – erinnere mich aber lebhaft an einen Geschäftsmann in der Hauptstadt Skopje, der von seinen Deals mit den Chinesen schwärmt. In der Osttürkei erfahre ich am Abend am TV, dass der Konflikt zwischen der Armee und der PKK eskaliert ist – am Tag der Gefechte habe ich in der Nachbarstadt aber trotzdem mit Einheimischen gemütlich Tee getrunken. Die Welt verfolgt gebannt, wie sich die Mullahs in Teheran mit dem Westen über das Atomprogramm streiten – die jungen Iraner in der Wüste interessiert ihre Party mit Alkohol und Marihuana aber trotzdem mehr.

Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Ich will damit nicht sagen, dass es falsch ist, über Grossereignisse zu berichten. Nein, solche Entwicklungen sind relevant und es ist die Aufgabe der Medien, diese Dinge zu thematisieren. Doch um ein korrektes Bild von einem Land zu bekommen, sollten wir uns bewusst sein, dass die Schlagzeilen immer nur einen Teil der Wahrheit abbilden – und dass in Myanmar nicht nur die muslimischen Rohingya verfolgt werden und ein Kampf um die Macht im Gange ist, sondern dass auch gelacht, getrunken und getanzt wird, wenn das Wasserfest auf dem Programm steht.

*Thomas Schlittler war Wirtschaftsredaktor der «Nordwestschweiz» und hat gekündigt, um seinen langersehnten Traum zu verwirklichen: per Autostopp um die Welt.