Die Miss-Schweiz Wahl ist Geschichte: Die sexistische «Viehschau» geht trotzdem weiter – im Internet

Die Miss-Schweiz-Wahl ist Geschichte, das Unternehmen hat Konkurs angemeldet. Für Viele ist das ein Zeichen des Fortschritts. Dabei hat das Zurschaustellen des Körpers nur die Bühne gewechselt.

Anna Miller
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Anna Miller, CH Media.

Anna Miller, CH Media.

zVg

Die Miss-Schweiz-Wahl, 42 Jahre lang der Garant dafür, jährlich einen C-Promi mehr in unseren Reihen begrüssen zu dürfen, ist nun definitiv Geschichte. Die Miss-Schweiz-Organisation hat auf Anfang November Konkurs angemeldet, der Verkauf der Markenrechte ist vor Kurzem gescheitert.

Es ist das traurige Ende einer Ära. Das Geschäft mit den Miss-Schweiz-Wahlen lief schon länger nicht mehr rund. Wegen eines Mangels an Sponsoren fanden 2016 und 2017 keine Miss-Wahlen statt. Die letzte Austragung 2018 endete im Streit, Jastina Doreen Riederer wurde der Titel sogar wieder aberkannt.

Jastina Doreen Riederer, die letzte Miss Schweiz, bei ihrer Krönung 2018.

Jastina Doreen Riederer, die letzte Miss Schweiz, bei ihrer Krönung 2018.

KEYSTONE/Ennio Leanza

Seit das Schweizer Fernsehen 2011 entschieden hatte, den Wettbewerb aus dem Programm zu nehmen, ging es mit der Wahl nur noch bergab.

Einige sind traurig. Doch die meisten frohlocken nun: Endlich ist diese sexistische Kackscheisse nicht mehr im Fernsehen zu sehen. Diese Idee, Frauen anhand ihrer Körbchengrösse zu beurteilen, sie nur als Stück Fleisch zu sehen, sie zu vermessen und im Bikini zur Schau zu stellen: Was bitte soll das alles? Nein, wir sind einen Schritt weiter, in der Frage der Emanzipation, wir sind zivilisiert, modern, Miss-Wahlen sind out of date.

Was das doch für eine vorbildliche, politisch korrekte Argumentation ist. Fast wäre sie löblich. Würden wir für einen Moment vergessen, die Instagram-App zu öffnen und uns die Flut an jungen Mädchen und Frauen anzuschauen, die sich im Stringtanga vor den Spiegel stellen und hoffen, dass sie irgendwer für besonders attraktiv hält.

Die «Viehschau» ist nicht Vergangenheit, sie läuft jetzt bloss nicht mehr im linearen Fernsehen, sie läuft im Internet. Vor unser aller Augen. Diese Idee, dass wir den Verkauf unseres Aussehens für ein bisschen Applaus, Status und Bekanntheit hinter uns gelassen haben, ist ein Trugschluss. Eher haben wir das System demokratisiert. Jeder, der einen Account hat, kann nun wählen, krönen oder verpönen.

An der aktuellen Diskussion zeigt sich wieder einmal: Nur, weil etwas in einem Bereich offiziell von der Bildfläche verschwindet, ist es deshalb noch lange nicht passé. Wir können noch so lange von Gleichberechtigung sprechen, davon, dass Frauen nicht nur sexualisiert werden sollten und als Ware betrachtet und der Mann ein echter Mann ist, wenn er reich ist und schreit - das in den Köpfen zu ändern, ist eine langwierigere Angelegenheit.

Im Zuge dieser Bemühungen offensichtlich sexistische Formate in Frage zu stellen und sich dafür einzusetzen, dass sie keine Plattform mehr erhalten, ist notwendig. Doch dann müssen wir das in allen Bereichen und auf allen Plattformen tun. Sonst verkommt die Sache zu einer Farce.

Denn die Miss-Schweiz-Wahl war im Grunde bloss ein ziemlich ehrlicher Spiegel dafür, wie die Gesellschaft Frauen und Schönheit noch immer definiert. Und, dass uns die Aufmerksamkeitsökonomie der Sozialen Medien glaubhaft vermitteln konnte, dass das, was wir tun, selbstbestimmt ist. Alles freiwillig. Alles kein Problem.

Dabei lassen wir noch immer andere über unseren Wert entscheiden. Das Rating im Internet jedoch machen keine alten Autoritäten, sondern Gleichaltrige, keine Jury mehr, sondern jeder, der die App runterlädt.

Das lineare Fernsehen mag tot sein. Die Miss-Schweiz-Wahl, nur einmal im Jahr, knapp zwei Stunden Sendezeit, ein paar Tage lang Schlagzeilen, dann wieder ein Jahr Ruhe, ist gestorben. Derweil sendet Instagram ohne Limit weiter ins Kinderzimmer. Weit entfernt von einem möglichen Konkurs.