Reisebilanz

Per Autostopp um die Welt: Geschafft – was bleibt?

Geschafft. Zurück zu Hause. Traum erfüllt! 811 Tage habe ich gebraucht, um von Winterthur nach Winterthur zu trampen. Mit 1009 Fahrern legte ich 78‘000 Kilometer zurück und durchquerte 52 Länder. Doch was nun? Was nimmt man mit von einem solchen Abenteuer?

Thomas Schlittler
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Per Autostopp um die Welt: 811 Tage mit 1009 Fahrern durch 52 Länder gereist – ein Fahrer-Selfie aus jedem Land
57 Bilder
Schweiz: 1. Tag, 4. Fahrer: Im Cabrio von Rentner Hans ging es von Rüti nach Schmerikon.
Italien: 1. Woche, 20. Fahrer: Giaccomo, ein Verkäufer von Leitner-Skiliften, fuhr mich vom Jaufenpass (Passhöhe) nach Sterzing.
Österreich: 2. Woche, 23. Fahrer: Mit Hermann und Alice, Logistiker und Kindergärtnerin, ginges von Salzburg nach Ried im Innkreis. Das Paar hat sich im Auslandssemester in Japan kennengelernt.
Deutschland: 2. Woche, 28. Fahrer: Von Freyung (Niederbayern) nach Strážný (Tschechien) fuhr ich mit kleinen Lia (hinten links) und ihren drei Rockern.
Tschechien: 2. Woche, 29. Fahrer: Pawel und Lydia sprachen ausschliesslich Tschechisch, dennoch nahmen sie mich von Strážný nach Volary mit.
Slowakei: 3. Woche, 46. Fahrer: Mit Martin, der offensichtlich ein grosser Fans von Tattoos ist, geht's von Dunajská Lužná nach Báč.
Ungarn: 3. Woche, 51. Fahrer: Von Csém nach Budapest fuhr ich mit Tomasz, der eine Kneippe in der ungarischen Hauptstadt führt – keine 500 Meter von meinem Hostel entfernt.
Ukraine: 5. Woche, 91. Fahrer: Mit Shirhan konnte ich mich auf der Fahrt von Zhovtneva Revolyutsiya nach Wasyliwka nicht unterhalten. Fahrer, die Englisch sprechen können, waren eine Rarität in der Ukraine.
Transnistrien: 6. Woche, 94. Fahrer: Diana, Dasha und Vovo kamen gerade von einem dreitägigen Kunstfestival im Wald – auch das gibt es in Transnistrien. Sie brachten mich von Tiraspol nach Bender (Zentrum).
Moldawien: 6. Woche, 101. Fahrer: Von Cantemir nach Cahul nimmt mich Gemadi, ein ganz herzlicher, sympathischer Typ, mit.
Rumänien: 8. Woche, 114. Fahrer: Mit diesen beiden Herren hatte ich eine schweigsame Fahrt von Sighisoara nach Bradeni, sie sprachen kein Wort Englisch.
Serbien: 9. Woche, 129. Fahrer: Magdalena und Marko waren gerade auf dem Weg an eine Hochzeit - für sie kein Grund, mich am Strassenrand zu ignorieren. Sie nahmen mich mit von Kladovo nach Donji Milanovac.
Bosnien und Herzegowina: 142. Fahrer: Von Capljina nach Poprati nehmen mich Armin und Jusuf mit.
Kroatien: 143. Fahrer: Von Poprati nach Tivat (via Trebinje und Dubrovnik) war ich mit Alzbeta und Jiri deutlich länger unterwegs. Wir tranken ein paar Bier zusammen, übernachten im gleichen Hostel, besuchen gemeinsam Dubrovnik und überqueren die Grenze nach Montenegro.
Montenegro: 148. Fahrer: Der zweifache Familienvater Nikola fährt mich von Kotor weg von der Küste in die montenegrinischen Berge nach Cetinje.
Albanien: 11. Woche, 154. Fahrer: Saimir ludt mich nach der Fahrt von Shkodra nach Vau i Dejes auf ein Bier ein und gab mir seine Kontaktdaten für den Fall, dass ich in Albanien irgendwelche Probleme haben sollte.
Kosovo: 12. Woche, 163. Fahrer: Diese Jungs nahmen mich von Recan nach Prevalla auf der Ladefläche ihres Lieferwagens mit.
Mazedonien: 13. Woche, 168. Fahrer: Von Kumanovo nach Sofia fuhr ich mit Velko, der in Deutschland lebt , aber ursprünglich aus Ohrid, einer Stadt im Westen Mazedoniens kommt.
Bulgarien: 13. Woche, 169. Fahrer: Wladimir, der mich von Sofia nach Plovdiv mitnahm, hat früher bei IBM gearbeitet, seit eineinhalb Jahren ist er selbstständiger Fotograf: "Ich verdiene weniger, aber es macht mehr Spass."
Türkei: Von Natince Bucagi nach fast Siverek: Im LKW von Aslan und seinem Sohn Farat komme ich so langsam voran, dass ich gerade so gut hätte laufen können.
Georgien: Von Batumi nach Shuakhevi: Die kleine Liana schockt mich mit der Frage: «Bist du auf Facebook.» Rechts ist Onkel Amira, im Hintergrund zwei einheimische Tramper.
Armenien: Von Kaff II nach Kapan: Auf diesem Foto fehlt die süsse kleine Tochter von Sona (links) und Michel. Sie war leider zu scheu.
Iran, 142. Tag, 248. Fahrer: Auf dem Beifahrersitz durch die iranische Wüste.
Turkmenistan: Von Farab nach kleines Kaff: Weiter mit Gejo und einer jungen Frau, deren Namen ich nicht kenne.
Usbekistan: Von Grenze nach Bukhara: Nach der Grenze eine Premiere – ein Polizist nimmt mich mit.
Kasachstan
Kirgistan: Von Kara-Balta nach Sosnovka: Ich traue meinen Augen kaum, als Jamal anhält-eine Frau! Das letzte Mal hat mich in Rumänien eine Frau mitgenommen, vor vier Monaten!
China, 201. Tag, 318. Fahrer: Auch in China funktioniert das Trampen einwandfrei.
Laos
Thailand
Kambodscha
Myanmar
Vietnam, 351. Tag, 494. Fahrer: In Vietnam werde ich oft von Rollern mitgenommen.
Südkorea
Japan, 412. Tag , 574. Fahrer: Die Japaner gelten als scheu - doch bärtigen Europäern helfen sie gerne.
Pazifiküberquerung auf einem Frachtschiff
Kanada
USA, 508. Tag, 631. Fahrer: In den USA gibt es doch noch ein paar echte Hippies.
Mexiko
Guatemala
El Salvador
Honduras
Nicaragua, 647. Tag, 794. Fahrer: In Nicaragua und anderen Ländern Mittelamerikas reisen wir oft auf der Ladefläche.
Coast Rica
Panama
Mit einem Transportboot von Panama nach Kolumbien
Kolumbien
Ecuador
Peru
Bolivien, 744. Tag, 919. Fahrer: In armen Ländern wie Bolivien werden wir meist von Lastwagenfahrern mitgenommen.
Argentinien
Brasilien
Atlantiküberquerung mit einem Frachtschiff
Spanien
Frankreich
811. Tag, 1009. Fahrer: Rentner Max bringt uns von Bern direkt nach Winterthur. Er ist unser letzter Fahrer

Per Autostopp um die Welt: 811 Tage mit 1009 Fahrern durch 52 Länder gereist – ein Fahrer-Selfie aus jedem Land

MIA/MTA

Es ist ein seltsames Gefühl, nach so langer Abwesenheit wieder in der Schweiz zu sein. Es hat sich nicht viel verändert - abgesehen von meinem 27 Monate alten Neffen, meinem fünf Monate alten Göttimeitli, dem riesigen Babybauch meiner zweitältesten Schwester sowie den neuen 20er- und 50er-Noten. Sonst sieht alles so aus wie vor meiner Reise und auch die Gespräche mit Familie und Freunden sind sofort wieder so, als wäre ich nie weg gewesen.
Manchmal frage ich mich deshalb: Ist das alles überhaupt passiert? Habe ich all diese wundervollen Dinge tatsächlich erlebt? Die Reise fühlt sich surreal an, wie ein wirrer Film in meinem Kopf. Ein Film, der noch nicht zu Ende ist. Denn die Rückkehr ist für mich mehr als ein bedeutungsloser Abspann. Es ist wunderschön, wieder Zeit zu verbringen mit den Liebsten. Richtig ankommen kann ich wohl erst, wenn ich alle x-fach umarmt habe, wieder arbeite und einen geregelten Alltag habe.

Kamelhirte mit Motorrad und Handy in der iranischen Wüste.
10 Bilder
Gemüsehändler in Qiancheng, China.
Der weltweite Fotowahn kennt keine kulturellen Grenzen, wie dieses Foto aus Istanbul zeigt.
Bettler in Tiflis, Georgien.
Longji-Reisterrassen in China.
Tibetische Mönche in Litang, China.
So sieht der Warentransport in Kashgar, China, aus.
Fischer auf dem Inle Lake in Myanmar.
«Life sucks» – ein kleiner Junge in Kambodscha.
Ein Buddhistischer Mönch rasiert sich den Kopf in Mandalay, Myanmar.

Kamelhirte mit Motorrad und Handy in der iranischen Wüste.

Thomas Schlittler

Vor diesem Wiedereinstieg habe ich grossen Respekt. Es gibt Langzeitreisende, die nach der Rückkehr nie mehr richtig ankommen und zu Fremden werden im eigenen Land. Nach zwei Jahren völliger Freiheit ist es nicht einfach, wieder jeden Tag den Wecker zu stellen und ein normales Leben zu führen. Aber ich bin überzeugt, dass ich das packen werde. Ich bin überzeugt, dass es gut kommt.

Zwischen Hippies und Militärs

Alles kommt gut – diese Überzeugung habe ich dank meiner Autostopp-Erlebnisse mehr denn je. Trampen ist ein bisschen wie das Leben: Manchmal läuft es nicht so richtig und man hat keine Ahnung wieso. Manchmal steckt man fest und kommt einfach nicht mehr weiter. Manchmal ist man müde und frustriert. Manchmal zweifelt man an sich und seinen Mitmenschen. Manchmal verliert man fast den Glauben an das Gute im Menschen. Doch dann taucht aus dem Nichts plötzlich ein Held auf, man findet zurück auf die Überholspur und all die bösen Gedanken sind verschwunden.

811. Tag, 1009. Fahrer: Rentner Max bringt uns von Bern direkt nach Winterthur. Er ist unser letzter Fahrer

811. Tag, 1009. Fahrer: Rentner Max bringt uns von Bern direkt nach Winterthur. Er ist unser letzter Fahrer

Thomas Schlittler

Ich bin bei exakt 1009 wildfremden Menschen ins Auto gestiegen. Sie haben mir vertraut und ich ihnen. Dass dieses Vertrauen nie missbraucht wurde, werde ich nie vergessen. Das prägt. Es wird mir immer leicht fallen, den Menschen zu vertrauen. Ich werde nie an das Schlimmste denken, wenn ich in eine ungewohnte Situation komme oder auf Unbekannte treffe.
Das bedeutet aber natürlich nicht, dass ich immer mit allen Fahrern auf derselben Wellenlänge war. Nicht in jedem Auto fühlte ich mich gleich wohl. Doch ich bin mit allen irgendwie klargekommen. Mit verrückten Hippies habe ich mich genauso arrangiert wie mit hohen Militärs, streng gläubigen Muslimen, buddhistischen Mönchen, einem christlich-orthodoxen Bischof oder einem Knasti.

Ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe, all diese Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Nach meiner Erfahrung gibt es nur sehr wenige komplette Arschlöcher. So wie die Welt nicht schwarz-weiss ist, so sind auch die meisten Menschen nicht einfach gut oder schlecht. Jeder hat positive und negative Charaktereigenschaften. Es lohnt sich deshalb, auf jede Person offen und respektvoll zuzugehen. Dann ist die Chance grösser, dass man die gute Seite kennenlernt.

Das Streben nach Glück

Nach unzähligen Begegnungen und Gesprächen in 52 Ländern besteht für mich kein Zweifel: Im Grunde haben die Menschen überall auf der Welt die gleichen Erwartungen an das Leben. Sie wollen einen anständigen Job, ein Dach über dem Kopf, genügend zu essen auf dem Tisch, vielleicht ein schönes Auto, aber vor allem eine gute Zeit mit Familie und Freunden. That’s it.

Da gibt es keinen Unterschied zwischen dem tschechischen Gastarbeiter Benes, dem sesshaft gewordenen Zigeuner Zarko, dem fünfmal täglich betenden Moslem Süleyman, dem schwulen Chinesen Jack, dem amerikanischen Trump-Anhänger Joe – oder meinen Eltern im Hinterthurgau.

Das soll nicht heissen, dass es keine kulturellen Unterschiede gibt. Selbst die Vorstellungen darüber, wie eine gute Zeit mit Familie und Freunden aussieht, gehen weit auseinander. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die meisten Menschen einfach nur ein ganz normales Leben führen wollen – und zwar in ihrem gewohnten Umfeld, in das sie hineingeboren wurden. Sie versuchen, aus den gegebenen Umständen das Beste zu machen.

In der Schweiz haben wir das Glück, dass die gegebenen Umstände seit Jahrzehnten hervorragend sind. Ein Durchschnittsbürger wie ich, der noch nie etwas Ausserordentliches geleistet hat, kann ein unbeschwertes Leben führen – und sogar mit Mitte zwanzig für zwei Jahre auf Weltreise gehen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Gleichzeitig empfinde ich aber auch grosse Demut gegenüber den Menschen anderer Länder, deren Leben nicht so einfach ist. Denn ich weiss: Ich wäre der Gewalt, Korruption und wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit genauso machtlos ausgeliefert wie sie. Auch ich könnte nicht mehr tun, als zu versuchen, mich irgendwie durchzuschlagen.

Das macht die Schweiz aus

Die Schweiz ist im Vergleich mit vielen anderen Ländern ein Paradies. Das ist mir heute bewusster denn je. Ein unschätzbarer Wert ist vor allem die Chancengleichheit. Klar, auch in der Schweiz besteht diese nicht zu 100 Prozent. Kinder aus finanzschwachen Einwandererfamilien hatten es schwieriger als ich. Aber zumindest sassen wir jahrelang im gleichen Schulzimmer. Jeder bekommt eine echte Chance. In vielen anderen Ländern ist das leider nicht der Fall. Eine anständige Bildung ist den Gutbetuchten vorbehalten.

Aussergewöhnlich ist die Schweiz auch in Sachen Vertrauen. Wenn mir die Kamera geklaut wird, kann ich das der Versicherung melden und bekomme kurze Zeit später das Geld für ein neues Gerät. Wenn man das in anderen Ländern erzählt, schütteln die Leute nur ungläubig den Kopf. Solche Versicherungen existieren nicht. Es fehlt das Vertrauen – oder die Ehrlichkeit.

Auch in der Arbeitswelt sind die Unterschiede bezüglich Vertrauen augenscheinlich. Als 18-jähriger Banklehrling war es für mich die normalste Sache der Welt, mit mehreren hunderttausend Franken im Koffer ins Auto zu steigen, um den nahegelegenen Geldautomaten zu füllen. Das wäre andernorts undenkbar. In Lateinamerika müssen die Kassierer im Supermarkt sogar den Chef rufen, wenn sie neues Wechselgeld brauchen. Nur ihm wird der Tresorschlüssel anvertraut.

Wir sind nicht perfekt

Doch bei allem Lob für die Schweiz: Es gibt auch vieles, was wir von anderen Kulturen lernen können. Gut tun würde uns zum Beispiel eine Prise Lockerheit. Die Fähigkeit, sich gehen zu lassen und einfach mal den Moment zu geniessen, ist definitiv keine Schweizer Erfindung. Viele haben leider immer schon den nächsten Morgen im Kopf.

Aber es ist nicht nur die Unbeschwertheit und Lebensfreude, die mich in anderen Ländern beeindruckt hat. Nie vergessen werde ich auch die Gastfreundschaft, besonders in muslimischen Ländern. In der Osttürkei und im Iran wurde ich fast täglich zum Übernachten eingeladen, oder zumindest zum Tee. Künftig soll auch mein Zuhause derart offene Türen haben.

In der westlichen Welt tendieren wir dazu, unser Gesellschaftssystem als das Nonplusultra zu betrachten. Manchmal hilft ein Blick von aussen, um dieses Bild zu hinterfragen. Milbek, ein 26-jähriger Kirgise, der für den Lebensunterhalt seiner Geschwister, Mutter und Grossmutter sorgt, fragte mich: «Wieso überlassen die Europäer ihre Eltern und Grosseltern im Alter sich selbst?» Ich faselte etwas von staatlicher Altersvorsorge. Die ehrliche Antwort wäre aber gewesen: aus Egoismus.

Sind nur Bad News relevant?

Auf einer Weltreise bekommt man viel Stoff zum Nachdenken. In einem Satz würde ich das Erlebte so zusammenfassen: Die Welt ist schlecht, aber die meisten Menschen sind gut.

Wenn ich während der Reise die Nachrichten las und von politischen Unruhen, Terroranschlägen und Naturkatastrophen hörte, wurde ich jeweils traurig oder gar wütend und dachte. «Verdammt nochmal, aber so ist es doch gar nicht. Das hat nichts zu tun mit der Welt, wie ich sie erlebe!»

Nach meiner letzten Autostopp-Kolumne hat eine Leserin geschrieben: «Ich werde die Kolumnen vermissen. Ich weiss nun ein paar nicht relevante Dinge mehr.» Ich habe mich sehr über das Kompliment gefreut. Mit dem zweiten Satz bin ich aber nicht einverstanden.

Ich sass bei 1009 wildfremden Menschen im Auto, legte 78‘000 Kilometer zurück und durchquerte 52 Länder. Alles problemlos. Hinzu kommen unzählige Menschen, die mich eingeladen, mich beschenkt, mir den Weg gezeigt oder mich einfach nur angelächelt haben. Für mich ist das der Beweis, dass es in allen Ecken dieser Erde nach wie vor ganz viele fantastische Menschen gibt. Menschen, die das Herz am rechten Fleck haben. Mir macht das Mut für die Zukunft. Für mich gibt es keine Erkenntnis, die relevanter sein könnte.

Der 28-Jährige war von 2012 bis Ende April 2015 Redaktor bei der «Nordwestschweiz».