Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Kommentar

Politische Weihnachten!

Nicht zur zu Weihnachten kommt es in Deutschland, aber auch der Schweiz zur Verquickung von Politik und Religion. Doch in der Regel ist nicht die Nächstenliebe die treibende Motivation dahinter.
Pascal Hollenstein
Pascal Hollenstein

Pascal Hollenstein

Die «Bild»-Zeitung ist ein verlässlicher Barometer für die politische Stimmungslage in Deutschland. In diesen vorweihnachtlichen Tagen liess es das Blatt mal wieder so richtig krachen: «Widmann-Mauz schafft Weihnachten ab», titelte es. Was folgte, war eine jener erhitzten Debatten, in denen unsere nördlichen Nachbarn eine einsame Meisterschaft entwickelt haben. Wie immer ging es ums grosse Ganze: Das christliche Abendland. Finis germaniae, finis europae.

Annette Widmann-Mauz ist Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Das Amt an sich macht sie schon zur beliebten Zielscheibe der gemeinen Wutbürger. Nun aber hatte Widmann-Mauz eine Weihnachtskarte versandt, ohne dabei den Begriff «Weihnachten» zu verwenden. Stattdessen standen da schlicht gute Wünsche zu lesen, «egal, woran Sie glauben». Gewiss, das war nun nicht sonderlich klug. Wer unter Dauerverdacht von rechts steht, der sollte nicht in die Falle der politisch hyperkorrekten Sprache tappen. Dennoch ist der Furor, der sich an Widmann-Mauz entlud, beeindruckend. Die Karte sei eine «bodenlose Arroganz» gegenüber den Opfern des islamistischen Terrors, hyperventilierte die AfD. Widmann-Mauz, so der Tenor auch in sozialen Medien, habe das christliche Abendland verraten. So überdreht die Debatte ist, so eindringlich zeigt sie: Religion ist zu einer eifrig gebrauchten und missbrauchten Folie für die politische Rechte geworden. Auf einer formellen Ebene ist der christliche Glaube in Europa ein Auslaufmodell. Die Kirchen sind leer, die Zahl jener, die aus den Kirchen austreten und sich zu Atheisten oder Agnostikern erklären, ist höher denn je. Die Schweiz ist, etwas zugespitzt formuliert, ein heidnisches Land. Dennoch sind Begriffe wie «christlich» oder das «christliche Abendland» nicht etwa zu politischen Ladenhütern verkommen. Sie werden – ganz im Gegenteil – als rhetorische Keule von Kreisen eingesetzt, für die Nation und Religion schon immer verwandte Begriffe waren.

Es geht hier um die Abgrenzung einer vorgestellten Gemeinschaft von «uns» zu den anderen, wobei mit den «anderen» zumeist Muslime gemeint sind. Zu beobachten ist das nicht nur in Ungarn, Polen oder Deutschland, sondern auch in der Schweiz. Die SVP etwa bekennt sich in ihrem Parteiprogramm zur «christlich-abendländischen Kultur der Schweiz» und folgert daraus die Unterstützung von Minarett- und Burkaverbot – was ausgerechnet die Kirchen anders oder zumindest differenzierter sehen. Der Rückgriff auf das Christentum als vorgebliche kulturelle und politische Klammer ist gewiss keine neue Figur. Unbedenklich ist er dennoch nicht. Wer das Christentum vor den nationalkonservativen Karren spannt, der denkt in den gleichen Gesetzmässigkeiten wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Man ersetze einfach Christentum durch Islam.

Weihnachten böte Gelegenheit, derartige politisch-religiöse Verquickungen zu überdenken. Vor allem wäre es ein guter Moment, um sich mit dieser inspirierenden Religion ernsthaft auseinanderzusetzen. Mangelndes religiöses Wissen bildet nämlich den Humus, auf dem die politische Instrumentalisierung des Christentums ihre faulen Blüten treibt. Widmann-Mauz hatte unrecht. Sie hätte allen «frohe Weihnachten» wünschen sollen. «Egal, woran Sie glauben.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.