Kommentar

Sind unsere Ärzte Abzocker?

Fürstlich verdienende Mediziner sind in einem System, das immer teurer wird, automatisch ein Politikum. Ob einzelne zu viel kassieren, bleibt aber trotz neuer Zahlen unklar.

Stefan Schmid
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Chefredaktor Stefan Schmid.

Chefredaktor Stefan Schmid.

Vorauszuschicken ist, dass viele Ärztinnen und Ärzte in diesem Land einen ausgezeichneten Job machen. Sie kümmern sich nach bestem Wissen und Gewissen um ihre Patienten, arbeiten überdurchschnittlich intensiv, achten auf die Kosten und erhalten am Ende einen gewiss hohen, aber letztlich verdienten Lohn. Schliesslich tragen sie auch einiges an Verantwortung auf ihren Schultern. Und sie haben viel Zeit in ihre Ausbildung investiert. Dass medizinisches Spitzenpersonal gut verdienen soll, steht in einer liberalen Gesellschaft ausser Frage.

Nun zum weniger schmeichelhaften Teil. Im Gegensatz zu ihrer Selbstwahrnehmung sind die meisten Ärzte keine freien Unternehmer, die ihre Leistungen in einem funktionierenden Markt verkaufen. Das Gesundheitswesen ist ein milliardenschwerer Pseudomarkt, wo nicht die Nachfrage das Angebot, sondern in der Regel das Angebot die Nachfrage steuert. Wenn irgendwo ein Spital gebaut wird, steigen die Kosten, weil das Spital teure Geräte anschafft und anschliessend dafür sorgen muss, dass diese auch genutzt werden. Dasselbe Muster wiederholt sich auf individueller Ebene: Eröffnet eine Spezialistin eine Praxis, verdient sie rasch gutes Geld. Je mehr Spezialisten tätig sind, desto höher sind die Gesundheitskosten. Nicht etwa weil die Bevölkerung kranker wird. Nein, das Angebot schafft sich die Nachfrage gleichsam selber.

Hinzu kommt: Die meisten Ärzte rechnen einen ordentlichen Teil ihrer Leistungen über die Grundversicherung ab. Es besteht für sie also in der Praxis selten ein Risiko, dass sie ihre Angebote nicht verkaufen könnten. Die Krankenkassen sind in der Überprüfung der Arztrechnungen häufig kulant. Verschreibt also ein Arzt besonders viele Leistungen, mitunter auch solche, die medizinisch gar nicht nötig sind, kann er sein Einkommen relativ gefahrlos steigern.

Dass die Entlöhnung der Ärzteschaft in diesem Umfeld interessiert, liegt auf der Hand. Es ist daher sinnvoll, dass sich der Bund um aktuelles und brauchbares Zahlenmaterial bemüht. 219 000 Franken beträgt hierzulande das Medianeinkommen, wie eine Anfang Woche publizierte Studie zeigt. Mit anderen Worten: Die Hälfte der Ärzte verdient mehr, die andere Hälfte weniger. Am besten weg kommen die Spezialisten. Vor allem bei den selbstständig Erwerbenden gibt es gar Einkommensmillionäre. Saläre von über einer halben Million sind bei den Neurochirurgen und Gastroenterologen gang und gäbe.

So weit, so gut. Doch leider wirft die Studie des Bundes mindestens so viele Fragen auf, wie sie beantwortet. Ihr grösster Makel liegt darin, dass nicht erkennbar ist, ob die Einkommen der Ärzte aus der Grund- oder der Zusatzversicherung stammen. Das aber ist eine entscheidende Information, wenn es anschliessend darum geht, auf politischer Ebene Massnahmen gegen zu hohe oder unredlich verteilte Saläre zu ergreifen.

Es leuchtet ein, dass ein Spezialist, der primär dank Zusatzversicherten Geld macht, so viel verdienen darf, wie er will. Schliesslich ist kein Patient gezwungen, eine Zusatzversicherung abzuschliessen. Bei der Grundversicherung hingegen, die per Zwangsabgabe finanziert wird, gelten andere Massstäbe. Hier sinkt das Verständnis für Topgehälter der Damen und Herren in Weiss rapide. Umso wichtiger wäre es, Zahlen zur Verfügung zu haben.

Was sich aufgrund der Faktenlage jetzt schon sagen lässt: Es braucht politischen Druck für eine finanzielle Besserstellung der Grundversorger – zu Lasten der Spezialisten. Ansonsten steigt die Gefahr, dass sich immer mehr angehende Ärzte von der Allgemeinmedizin abwenden, weil anderswo fettere Gehälter locken. Das ist weder im Sinne der Patienten, die auf kompetente Hausärzte angewiesen sind, noch des Staates, der die Anstrengungen multiplizieren muss, um den sozialpolitisch gefährlichen Kostenanstieg im Gesundheitswesen nachhaltig in den Griff zu bekommen.