Analyse

Das Dilemma bei den Preisen: Sind Generika zu günstig, lohnt sich die Herstellung nicht mehr – das darf nicht passieren

Das Parlament will bei den Nachahmerpräparaten ansetzen. BDP-Nationalrat Lorenz Hess und seine Mitstreiter wollen die Preise massiv senken - und gehen damit zu weit.

Andreas Möckli
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Andreas Möckli

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Vom einfachen Schmerzmittel Dafalgan bis hin zu Spitalmedikamenten: Sie wurden kurz nach dem Ausbruch der Coronapandemie im März allesamt knapp. Der Engpass bei Paracetamol oder Ibuprofen war vor allem Hamsterkäufen geschuldet. Bei anderen Arzneimitteln, die etwa für die künstliche Beatmung von Coronapatienten benötigt werden, lag das Phänomen tiefer. Stichworte hierzu sind etwa die Abhängigkeit von asiatischen Wirkstoffherstellern oder die krisenbedingte Unterbrechung von Lieferketten.

Selten war die Versorgungssicherheit von Medikamenten ein grösseres Thema als im Coronajahr 2020. Doch ausgerechnet jetzt steht in der Schweiz ein folgenschwerer Eingriff bei der Festsetzung der Arzneimittelpreise zur Debatte. Am Donnerstag verhandelt der Nationalrat während einer Sondersession darüber, wie stark insbesondere die Preise von Generika gesenkt werden sollen.

Selten war die Versorgungssicherheit von Medikamenten ein grösseres Thema als im Coronajahr 2020.

Selten war die Versorgungssicherheit von Medikamenten ein grösseres Thema als im Coronajahr 2020.

Gaetan Bally / Keystone

Klar ist: Generika sind in der Schweiz teuer, zu teuer. Studien belegen, dass die Preise hierzulande in etwa doppelt so hoch sind wie in anderen europäischen Ländern. Das Sparpotenzial ist unbestritten gross. Nach jahrelangem Lamento über die hohen Preise ging der Bundesrat vor drei Jahren in die Offensive. Er schlug ein neues Referenzpreissystem vor. Dadurch sollen sich die Generikapreise künftig an ausländischen Vergleichsländern orientieren. Wichtig für die Patienten: Will jemand ein teureres Präparat, das über dem definierten Preis liegt, muss er die Differenz selber berappen.

Hunderte Millionen Franken stehen auf dem Spiel

BDP-Nationalrat Lorenz Hess.

BDP-Nationalrat Lorenz Hess.

Anthony Anex / KEYSTONE

Der vom Systemwechsel betroffene Markt an Generika und Originalmedikamenten ohne Patente beläuft sich auf 1,4 Milliarden Franken. Die Befürworter, angeführt von BDP-Nationalrat Lorenz Hess, wollen weitergehen als der Bundesrat. Sie möchten die Generikapreise stärker auf das Niveau im Ausland drücken. Hess rechnet so mit einem jährlichen Einsparpotenzial zwischen 350 und 420 Millionen Franken. Der Berner hat als Präsident des Versicherers Visana den Krankenkassenverband Santésuisse im Rücken.

Die Generikaindustrie lobbyiert mit allen Kräften gegen den Vorschlag von Hess. Im Vorfeld der Debatte warnt der Branchenverband Intergenerika vor einer «praktischen Zerstörung des Generikamarkts». Die massive Senkung der Preise entziehe den Herstellern die Existenzgrundlage, der Grossteil der heute verfügbaren Nachahmerpräparate werde zwangsläufig vom Markt verschwinden, argumentieren die Hersteller.

Das Untergangsszenario der Branche ist sicherlich überzogen. Dennoch stellt sich die Frage, ob gerade jetzt der Moment für einen solch einschneidenden Systemwechsel gekommen ist. Schon vor der Coronakrise gab es zahlreiche Engpässe an Medikamenten. Die Situation hat sich nun nochmals verschärft. Bereits gibt es zahlreiche Originale, für die es keine Generika gibt, obwohl deren Patent abgelaufen ist. Zudem ist die Gefahr gross, dass nationale und internationale Player Generika vom Schweizer Markt nehmen, wenn die Preise stark sinken.

Hess und seine Mitstreiter haben zwar für den Fall eines Lieferengpasses vorgesorgt. Der Vorschlag ist jedoch umständlich. Denn der Hersteller müsste für ein lebenswichtiges Medikament einen Antrag beim Bund für einen höheren Preis stellen.

Ein zu riskantes Spiel

SVP-Nationalrat Thomas de Courten.

SVP-Nationalrat Thomas de Courten.

Juri Junkov / BLZ

Die Umsetzung des Vorschlags von Lorenz Hess erscheint als zu riskantes Spiel. Zumal ein zweiter Vorschlag vorliegt, der ebenfalls Einsparungen bei den Generika vorsieht, wenn auch im geringeren Ausmass. Absender ist SVP-Nationalrat Thomas de Courten, der Präsident von Intergenerika ist – und damit natürlich verdächtig. Doch dem Baselbieter ist es gelungen, eine einigermassen breite Allianz hinter sich zu scharen. Neben den Ärzten und Apothekern sind auch fünf gewichtige Krankenkassen mit an Bord, vier davon sind im Verband Curafutura zusammengeschlossen.

Das Team de Courten lehnt das Referenzpreissystem ab, ist aber unter dem Druck des Lagers von Lorenz Hess zu Einsparungen von 270 Millionen Franken bereit. De Courten will mit seinem Vorschlag einen Preisvergleich mit dem Ausland verhindern. Im Gegenzug will er den Preisabstand zu Originalen erhöhen. Der SVP-Nationalrat und seine Mitstreiter wollen zudem bei den Margen ansetzen, die beim Verkauf der Medikamente anfallen. Dadurch sollen die Anreize für den Einsatz von Generika weiter erhöht und damit Geld gespart werden.

Bedeutender Teil soll von den Einsparungen ausgenommen werden

De Courtens Vorschlag ist auch deshalb zu begrüssen, weil sein Kontrahent Lorenz Hess eine giftige Pille in sein Paket eingebaut hat. Der Berner BDP-Nationalrat will einen Teil der Generika ausnehmen. Es handelt sich dabei um günstigere Nachahmerpräparate von biotechnologisch hergestellten Medikamenten. Gerade hier lässt sich künftig Geld einsparen. Es geht dabei etwa um teure Krebsmedikamente. Das Sparpotenzial wird auf mehrere Hundert Millionen Franken geschätzt.

Hess gelang es, mit dem Schachzug den Branchenverband Interpharma auf seine Seite zu ziehen. Normalerweise sind Krankenkassen und die Pharmaindustrie beim Thema Medikamentenpreise natürliche Gegner. Die unheilige Allianz ist fragwürdig. Etwas zugespitzt gesagt, opfert Interpharma die Generikahersteller, um sich die eigenen Pfründe zu sichern. Für die Versorgungssicherheit des Landes sind aber nicht nur teure Krebsmedikamente wichtig, sondern eben auch jene alten Präparate, die etwa in Spitälern eingesetzt werden oder für die Grundversorgung wichtig sind.

So gesehen ist der Vorschlag des Teams de Courten mit Blick auf die Versorgungssicherheit die bessere Variante. Auch wenn damit weniger Geld gespart werden kann.