Susanne Wille: «Heute hatten wir ein richtig schönes Meeting»

Sitzungen haben einen richtig schlechten Ruf. Niemand mag sie. Niemand geht fröhlicher hinaus, als er hereingekommen ist. Dabei wäre Zusammenkommen und Sichtreffen und Sichaustauschen doch etwas Bereicherndes und deshalb Schönes. Aber irgendwo klemmt es.

Susanne Wille
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«Meetingitis» wird sie genannt, die Diagnose. Wenn zu viele Sitzungen einen am Erledigen der eigentlichen Arbeit hindern. Egal, wo ich hinkomme. Egal aus welcher Branche, aus welcher Firma. Der Tenor lautet selten bis nie: «Wir hatten heute eine wunderbare Sitzung». Warum ist das eigentlich so? Was ist das Geheimnis einer erfolgreichen Sitzung? Klar: Straffe Leitung, klare Struktur, Effizienz, Effektivität etc. Aber sonst? Was braucht es, damit Sitzungen, die nicht nur in Management- oder Führungspositionen inzwischen den Tag prägen, zu einem erfüllenden Erlebnis werden? Klar ist, das Thema ist in Zeiten von Teamarbeit, Transformation und beweglichen Organisationen noch wichtiger geworden.

So sammelt Steven Rogelberg in seinem Buch Daten und Fakten. In «The surprising Science of Meetings» sagt er: Sitzungen werden besser, wenn sie kürzer sind. Rogelberg zitiert dazu das Parkinsonsche Gesetz. Der Soziologe Cyril Northcote Parkinson beobachtete unser Arbeitsverhalten und kam zum Schluss: Arbeit dehnt sich in genau dem Masse aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. In einem wissenschaftlichen Test teilte er Studierende in zwei Gruppen auf. Beide sollten ein mathematisches Problem lösen. Eine Gruppe bekam so viel Zeit, wie effektiv für die Lösung des Problems nötig war. Die andere Gruppe bekam mehr Zeit. Stellte sich heraus, dass Gruppe 2 auch effektiv mehr Zeit brauchte, um die Aufgabe zu lösen. Schon bedenklich, dass Parkinson vor über einem halben Jahrhundert dieses Gesetz publiziert hat. Und der Verdacht liegt nahe: Wir haben noch nicht allzu viel daraus gelernt. Studien dazu gibt es zahlreiche. Über die vielen Milliarden Dollars, Pfund, Euros, Franken, die vernichtet werden wegen überflüssiger Meetings. Von den vielen Jahren Lebenszeit ganz zu schweigen, die wir in Sitzungen verbrauchen.

Erschwerend kommt hinzu: Unser Ego liebt Meetings.
Susanne Wille ist seit 2001 bei SRF («10vor10»). Sie ist Mitglied des Projektteams, welches sich mit der Entwicklung der Nachrichtensendungen befasst.

Susanne Wille ist seit 2001 bei SRF («10vor10»). Sie ist Mitglied des Projektteams, welches sich mit der Entwicklung der Nachrichtensendungen befasst.

Das sagt auch der Wirtschaftsphilosoph Frederic Laloux, der aufzeigt, wie erfolgreiche Unternehmen, Meetingspraktiken eingeführt haben, die den Teilnehmenden helfen, die Egos unter Kontrolle zu halten und den Marktplätzen der Eitelkeiten entgegen zu wirken. Es gibt Firmen, wo jemand Tschinellen schlägt, wenn jemand eine selbstbezogene Äusserung macht und nicht das grosse Ganze im Aug behält. Andere wollen die Teams mit einer ritualisierten, unerwarteten Frage zum Sitzungsstart aus dem Denktrott holen. («Wenn ihr einen Film über eure Abteilung drehen würdet, welchen Titel hätte er?») Andere Tipps setzen bei der negativen Energie an, die oft an Meetings gebracht wird (Stress oder nicht abgeschlossene Projekte) Sie solle via Knetmasse oder Puzzles in einen Fokus-Boost umgeleitet werden. Ehrlich gesagt: So richtig überzeugt hat mich noch nichts davon. Aber es zeigt, dass die Debatte stärker läuft denn je.

In dieses Bild passt die Inflation von Apps, die das Führen von Meetings erleichtern. Da lassen sich sogar die Lohndaten der Firma einfügen, damit man auf die Sekunde genau sieht, wie viel eine Sitzung kostet, je nachdem wer wie lange teilnimmt. Das ist natürlich die maximale Visualisierung des eigentlich nicht falschen Grundgedankens: Zeit ist eine Ressource. Time is money. Es braucht nicht viel Phantasie, um zu erkennen, dass diese Praxis auch negative Konsequenzen hat. Gerade Denkarbeit braucht Zeit. Kreative Lösungen finden sich nicht unbedingt im straffstmöglichen Zeitmanagement, wenn die Sanduhr läuft. Aber ich plädiere für eine starke Unterscheidung, welche Meetings was bringen und welche nicht und ich plädiere für eine aktive Debatte, welche Meeting-Kultur eine Firma haben will.

Übrigens: Selber habe ich immer wieder wunderbare Sitzungen.

Zu den besten gehören jene, die mich gnadenlos aus der Echokammer katapultieren. Wenn Leute aus unterschiedlichen Bereichen, die ganz anders ticken, ihre Talente, Erfahrungen, an den Tisch bringen, um zusammen Neues zu gestalten. Hier greift das Parkinsonsche Gesetz nicht. Es dehnt sich nicht die Arbeit in genau dem Masse aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Sondern der Horizont.