Kommentar zu Löschungsaktionen
Schlimmer als Twitter mit Trump ist nur Twitter ohne Trump

An die Ruhe ohne den US-Präsidenten auf Twitter haben wir uns schnell gewöhnt. Doch wir machen es uns zu einfach, wenn wir die kontroversen Stimmen stumm schalten.

Raffael Schuppisser
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Donald Trump ruft zum Protest auf.

Donald Trump ruft zum Protest auf.

Keystone

Und dann war es plötzlich so schön still. Twitter und Facebook haben den mächtigsten Mann der Welt stumm geschalten. Donald Trump stand auf der Politbühne wie ein Heavy-Metal-Gitarrist, dem man den Stecker aus dem Verstärker gezogen hat. Warum man das nicht viel früher getan hat, fragten sich viele. Die Trumpschen Töne waren ja schon lange falsch und zu aggressiv gespielt.

«Die Sperren wirken wie die Feuerwehr, die noch mal ordentlich Löschwasser an den Start bringt, während das Haus abgebrannt ist», kommentiert beispielsweise die ARD. Doch mit welcher Begründung hätte man ihn ausschliessen sollen? Weil er ein Rüpel ist, weil man seine politische Einstellung nicht teilt, weil der Falschmeldungen verbreitet? All das ist nicht illegal. Es gibt ein öffentliches Interesse an der Meinung des demokratisch gewählten Präsidenten der USA.

Twitter hat in den letzten Monaten Dutzende von Trump-Tweets mit der Äusserung versehen, dass es sich hier um Falschmeldungen handelt, und Links zu aufklärenden Informationen hinzugestellt. Diese Kontextualisierung ist richtig und einer Löschung vorzuziehen. So kommen Anhänger von Verschwörungstheorien, 39 Prozent der Amerikaner glauben an Wahlbetrug, in Kontakt mit den Fakten, die sie vom Gegenteil überzeugen können. Andersdenkende auszuschliessen ist so gut wie nie das richtige Mittel.

Es kann nicht sein, dass Twitter und Facebook bestimmen, was wahr ist. Wahrheitsfindung geschieht im Diskurs. Es liegt aber an den Plattformenbetreibern und an jedem einzelnen Nutzer, dass dieser Diskurs möglichst gesittet verläuft, so dass das stärkste Argument gewinnen kann.