Kommentar

Ueli Maurers Liebe zu Jacqueline Badran – oder warum es grobe Typen wie Andreas Glarner im Bundeshaus erträgt

Das politische Klima in Bundesbern mag rauer geworden sein. Doch solange Ausfälligkeiten auf Einzelfiguren beschränkt sind, können wir entspannt bleiben.

Stefan Schmid
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Stefan Schmid

Stefan Schmid

Bild: Hanspeter Schiess

Zum Glück schneit es heute in den Bergen. Auch bei uns im Flachland soll es empfindlich kühl werden. Ungewohnte Gefühle. Der Sommer ist doch nicht für die Ewigkeit.

Der Klimawandel ist zwar unbestritten da. Und der Kampf dagegen wenig entschlossen. Doch irgendwie beruhigt ein trüber, kühler Herbsttag halt doch. Ja, es gibt sie noch, die Welt ohne Hitze. Und mit der sinkenden Schneefallgrenze keimt gleichzeitig die Hoffnung auf, auch die hysterischen Gemüter von Bundesbern mögen sich beruhigen.

Das war für schweizerische Verhältnisse doch eher hässlich, was wir da zu hören und zu lesen bekamen. Zuerst beleidigte SVP-Nationalrat Andreas Glarner seine Basler Kollegin Sibel Arslan (Grüne) rassistisch und beschimpfte sie als «Frau Arschlan». Worauf SP-Frau Jacqueline Badran gegen «Fucking Glarner» vom Leder zog.

Nettigkeiten hüben wie drüben. Allenthalben kamen Rücktrittsforderungen auf, zumal an die Adresse Glarners. Für Rassisten habe es im Bundeshaus keinen Platz.

Gemach. Glarner ist ein Berufsprovokateur. Er hat seine ganze Politkarriere seinen Pöbeleien zu verdanken.

Nur bis ganz nach oben, an die Spitze der SVP Schweiz, hat er es damit nicht geschafft. Die Partei hat gerade noch rechtzeitig gemerkt, dass einer wie Glarner zu viele Leute abschreckt.

Als Speerspitze der Rohlinge und Rüpel im Land macht er aber einen tollen Job. Darum wird er bei der Volkspartei geduldet. SP-Frau Badran steht im Unterschied zu Glarner nicht im Ruch, ein rassistischer Polteri zu sein. Ihr cholerisches Gemüt hat aber auch schon der eine oder andere Gegner zu spüren bekommen. Sanfte Charaktere können damit rasch überfordert sein.

Figuren wie Glarner oder Badran, die mitunter toben, ausfällig und beleidigend werden, sind gewiss nicht das, was man sich gemeinhin unter einem idealen Parlamentarier vorstellt. Doch sie vertreten zweifellos einen Teil des Volkes. Es gibt eine stattliche Anzahl Menschen im Land, die ungehobelt, wütend und hässig sind, lieber foulen statt finassieren. In einer Demokratie haben auch sie das Recht, ihre Vorbilder nach Bern zu schicken. Solange diese dort keine Mehrheit bilden, geht’s. Ausfällige Einzelfiguren kann die Demokratie problemlos verkraften.

Dass es im Berner Politbetrieb auch ganz anders geht, zeigte am Donnerstag ausgerechnet Finanzminister Ueli Maurer, der einst als SVP-Parteichef gehörig auszuteilen wusste. In der Debatte über die 99-Prozent-Initiative der Jungsozialisten sagte Maurer nach einem Zwischenruf im Parlament an die Adresse von SP-Frau Jacqueline Badran: «Wir lieben uns fast schon ein bisschen. Manchmal funktionieren wir wie ein älteres Ehepaar. Doch in dieser Frage haben wir andere ideologische Ansichten. Das erklärt die unterschiedliche Sichtweise.» Der Saal lacht. Maurer lacht. Was für ein versöhnlicher Abschluss einer sonst eher aufwühlenden, nervösen Session.