Kommentar

Vier Spitäler auf einen Schlag weg: Hallo Schweiz, schau mal nach Osten – da bebt politisch die Erde

Der Kanton St.Gallen schliesst vier defizitäre Landspitäler. Das ist schweizweit einzigartig radikal. Bloss nimmt das ausserhalb der Ostschweiz kaum jemand zur Kenntnis. Warum eigentlich nicht?

Stefan Schmid
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Stefan Schmid

Stefan Schmid

Hanspeter Schiess

Sie leben in Zürich oder Bern, die meisten Journalistinnen und Journalisten der führenden Medienhäuser. Sie trinken dort ihr Feierabendbier und regen sich dabei über die Maskenpflicht am Elternabend der städtischen Sekundarschule auf.

Ihr Interesse für das Leben ausserhalb der eigenen Blase hält sich naturgemäss in Grenzen. Es sei denn, sie wittern irgendwo einen Skandal, der gängige Klischees bedient – etwa bei den Bündner Baulöwen. Oder den Genfer Politstars, die sich für Gott halten.

Dann schicken sie Reporter in diese entlegenen Zonen und erklären der Nation, was sich dort Ungeheuerliches zuträgt. Ist die Sau durchs Dorf getrieben, lässt das Interesse rasch nach. Willkommen in der helvetischen Medienrealität 2021.

Einst hielten sich grosse Zeitungen wie NZZ oder «Tages-Anzeiger» Korrespondenten in allen Landesteilen, die regelmässig Berichte darüber verfassten, was andernorts die Menschen beschäftigt. Heute leistet sich das nur noch die gebührenfinanzierte SRG. Gemeinsam ist allen freilich die Jagd nach knackigen Geschichten, die viele Klicks und neue Abonnenten generieren.

So nachvollziehbar das ist:

Es geht dabei das Gespür für wichtige Ereignisse aus den Regionen verloren, die sich nicht per se skandalisieren lassen.

Das ist staatspolitisch bedauerlich, weil immer mehr Schweizerinnen und Schweizer nicht mehr mitbekommen, was Landsleute so tun, die nicht gerade ums Eck wohnen.

Es ist aber auch aus journalistischer Sicht kurzsichtig zu glauben, Geschichten aus den Regionen stiessen beim Publikum a priori auf Desinteresse. Das ist eine Frage der Aufbereitung, der Art und Weise, wie die Story erzählt und eingebettet wird. Dies wiederum setzt echtes Interesse an Zusammenhängen und Wissen über Regionen voraus. Rare Güter in geschrumpften Redaktionen.

Übrigens: Der Kanton St.Gallen hat diese Woche vier defizitäre Landspitäler dichtgemacht. Ein fünftes könnte dank der Zusammenarbeit mit Glarner und Bündner Nachbarn überleben. Das ist eine gesundheitspolitische Revolution, die andernorts Schule machen dürfte. Die Prämien sind hoch, die Überversorgung mit Spitalbetten im ganzen Land allgegenwärtig. Ein Blick in die Ostschweiz hätte sich auch für Bernerinnen und Zürcher gelohnt. Es ist nie schlecht, wenn man Trends kommen sieht.