Gastkommentar

Warum Ursula von der Leyen mit ihrer Forderung für ein klimaneutrales Europa  dennoch Recht hat

Replik auf den Gastbeitrag «Grüner EU-Sozialismus» von Professor Martin Janssen (21. Dezember 2019)

Hanspeter Thür
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Hanspeter Thür ist Stadtrat von Aarau und war früher Nationalrat für die Grünen und Datenschutzbeauftragter

Hanspeter Thür ist Stadtrat von Aarau und war früher Nationalrat für die Grünen und Datenschutzbeauftragter

Der emeritierte Professor für Finanzmarktökonomie, Martin Janssen, kritisierte Ursula von der Leyen, die neue EU-Kommissionspräsidentin, die sich in einem Gastkommentar in dieser Zeitung für einen «Green Deal» stark machte. Ihre Botschaft: Ziel der EU sei es, bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu werden. Sie fordert: «Der Wandel muss sofort beginnen».

Das macht dem Finanzmarktökonomen Angst und er bezeichnet das Vorhaben als «Grünen EU-Sozialismus». Er meint: «Ein gutes und sicheres Leben hängt in erster Linie von der inneren und äusseren Sicherheit, von der Alters- und Krankenvorsorge, von der Sicherheit der Arbeitsplätze, von der Verschuldung von Staaten, Banken und Privaten ab und nicht vom Klimawandel. »

Damit gehört Janssen zur immer kleiner werdende Gruppe jener, welche nicht wahrhaben wollen, dass der Klimawandel im Begriffe ist, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören und damit die Errungenschaften unserer Zivilisation.

Die Signale von Ursula von der Leyen wecken dagegen Hoffnung, dass sich nach dem diesjährigen ernüchternden Klimagipfel in Madrid wenigstens Europa des Ernstes der Lage bewusst ist und mit der Europäischen Investitionsbank in den nächsten 30 Jahren eine Investitionsinitiative für ein nachhaltiges Europa lancieren will.

«Der Klimawandel ist für ein breites Spektrum an Anlagewerten in fast jedem Bereich ein Risiko.»

Damit wäre Europa mit einem weltweiten CO2-Anteil von rund 10% der erste Kontinent, der die verbindlichen Ziele des Pariser Klimaabkommen von 2015 ernst nimmt.

Die Warnungen der Finanzwirtschaft

Die Kritik von Janssen an der EU-Kommissionspräsidentin irritiert vor allem deshalb, weil er die Warnrufe seiner eigenen Branche nicht wahrnimmt oder nicht wahrhaben will:

– 2018 gab die Weltbank unter dem Titel «The Changing Wealth of Nations 2018: Building a Sustainable Future» einen Bericht heraus, der den kohlenstoffreichen Nationen eine düstere Prognose stellt. Die Weltbank rät diesen Ländern zur schnellstmöglichen Diversifikation ihrer Wirtschaft und dazu, ihre Investitionen in grüne Technologien umzuleiten; stellt aber am Ende fest, dass es diese Staaten versäumt hätten, «mit ihrem Reichtum an fossilen Brennstoffen auf lange Sicht nachhaltig umzugehen».

– Jeremy Rifkin, der nicht nur Deutschland, die EU und China auf dem Weg in eine nachhaltige Wirtschaft berät, beschreibt in seinem neusten Buch «Der globale Green New Deal», wie die Finanzwelt angesichts der ökologischen Krise längst Alarm schlägt: Der Klimawandel ist für ein breites Spektrum an Anlagewerten in fast jedem Bereich ein Risiko, stellt die Finanzaufsichtsbehörde der Bank of England in einem Bericht fest.

– Mark Carney, Governor der Bank of England, war bis Ende 2018 auch Vorsitzender des Financial Stability Board (FSB), eines internationalen Gremiums, das Empfehlungen zur Aufsicht über das weltweite Finanzsystem ausspricht. Er stellte fest, dass das Bankensystem auf die Probleme gestrandeter Anlagewerte schlicht nicht ausreichend vorbereitet sei, und rief die Task Force on Climate-Related Financial Disclosures (TCDF) ins Leben. Ihre Aufgabe besteht in der Entwicklung einer freiwilligen, konsistenten Offenlegung klimabezogenen Finanzgeschehens, die Investoren und Geldgebern nützlich sein können, um die materiellen Risiken zu verstehen.

Ich erwarte, dass ein Professor in Finanzmarktökonomie, der sich in die Diskussion um einen Green New Deal einmischt, auf der Höhe der Debatte seiner Zunft steht und sich nicht mit dem Totschlagargument "Grüner EU-Sozialismus" der Diskussion entzieht. Es werden jene besser überleben, die die Zeichen der Zeit erkennen und rechtzeitig handeln.