Kommentar

Was Journalismus heute soll

Die Eidgenössische Medienkommission äusserte sich zum Streaming. Dabei fiel auch ein Rat für die Schreiber ab.

Christian Mensch
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Die Eidgenössische Medienkommission (Emek) ist ein diskretes, aber einflussreiches Expertengremium des Bundes. Fernab der Öffentlichkeit veröffentlicht es Positionspapiere, die – einmal durch die Mühlen des Verwaltungs- und Polit­betriebs gelassen – den medienpolitischen Kurs bestimmen. Das neueste Werk befasst sich mit der Frage, was Streamingdienste für Medien und Öffentlichkeit bedeuten. Es gipfelt in 17 Handlungsempfehlungen, wobei sich eine konkret an die Journalisten richtet: Sie sollen mit «relevanten Themen mehr Wirkung» entfalten.

Wie soll dies gehen? Die Chronistenpflicht gehöre dazu; boulevardesk soll es nicht sein; Personalisierung könne zu Politverdrossenheit führen; Problematisierungen ohne mögliche Lösungen könnten das Gefühl von Hilflosigkeit hervorrufen; journalistischen Standards sei mehr Gewicht beizumessen und Extremisten nicht übermässig Aufmerksamkeit zu widmen. Mit der Nutzung von Mobilgeräten müssten die Inhalte zudem «anders daherkommen».

Die Empfehlungen sind im Einzelnen nicht falsch. Als Rezept bleiben sie jedoch schwammig, da nicht erkennbar wird, weshalb damit mehr Demokratie-Relevanz erzielt wird. Die Emek-Experten bringen lediglich ein allgemeines Unwohlsein zum Ausdruck, ohne Reflexion, was Journalismus grundsätzlich zu leisten hat.

Die Kernfunktion von Medien – und damit der Journalisten – ist es, den Menschen zu helfen, sich in der Welt zu orientieren.

Dies geschieht nicht dadurch, dass sie dozieren, was richtig oder falsch ist. Vielmehr indem sie verschiedenste Informationen und Haltungen darstellen. Die Spanne ihrer Themen reicht von gesellschaftlichen (was ist die neueste Mode?), über politische (worüber wird abgestimmt?), juristische (was ist strafbar?), wirtschaftliche (wie sicher ist mein Lohn?) bis zu philosophischen (wie halten wir es mit dem Sterben?).

Medien bieten die Synchronisationsleistung der verschiedensten Lebensbereiche, die nicht nur in sich komplex sind, sondern auch jeweils eigenen Logiken folgen. Gerade die moderne Gesellschaft, die sich durch ihre Disparatheit auszeichnet, bedarf dieser steten Synchronisation, um als Gesellschaft überhaupt bestehen zu können. Der deutsche Soziologe Armin Nassehi schreibt dazu in seiner neu erschienenen Theorie der digitalen Gesellschaft: «Medien trennen und verbinden, sie reden über alles und wählen doch aus, sie erzählen konsistente Geschichten über eine diskontinuierliche Welt. Sie bringen Dinge in Informations- und Aktualitätsform zusammen und machen damit die Welt erzählbar.»

Der Journalismus hat sich von der wirtschaftlichen Krise der Medien aber verunsichern lassen.

Immer neue Moden und Trends lösen sich ab. Ausgehend von der Blogger-Szene sollte jeder Journalist zur unternehmerisch handelnden Ich-AG werden. Oder aufgeschreckt von den Möglichkeiten des Big Data sollte im Datenjournalismus die Zukunft liegen. Im Bann der Aufmerksamkeitsökonomie galt die Aufmerksamkeit plötzlich dem Storytelling. Wobei der «Spiegel»-Fall Relotius zeigte, wohin das Streben führt, wenn es vor allem um die Form des Erzählens und nicht mehr um den Inhalt geht.

Dabei erfüllt der Journalismus seine Synchronisationsfunktion am besten, wenn er – in welchem Medium auch immer – so einfachen wie altbewährten Tugenden folgt: Nach bestem Wissen und Gewissen und den gängigen professionellen Standards die Welt schildern, wie sie sich darstellt. Dies in einer Form, die nahe beim Nutzer und am Puls der Zeit ist.

Ohne die Fehlleistungen schönzureden, fällt seine Leistungsbilanz so schlecht nicht aus. Sonst hätte sich nicht als falsch herausgestellt, dass sich immer mehr Leute in Filterblasen flüchten, die ihnen eine einseitige Weltbetrachtung bieten. Würden Journalisten und ihre Arbeitgeber stärker ihrer Kernfunktion und ihren Leistungen vertrauen, verdienten sie sich auch wieder zurück, was auch die Emek einfordert: «Das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer.»