Kolumne

Schnee von gestern: Wie soll auch das noch weitergehen?!

In ihren letzten Jahren hat Rosmarie ein wenig den Überblick verloren. Obwohl man im Heim recht zu ihr schaute, war ihr die Umgebung zuweilen fremd. Rosemaries «Wie söu ou das no wiitergah?!» ist bei uns zum geflügelten Wort geworden, samt Nachahmung ihres Berner Dialektes. Das Wort passt oft, gerade jetzt.

Hans Graber
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Hans Graber.

Hans Graber.

Bild: Luzerner Zeitung

Gestern wäre Tante Rosie 90 geworden. Statt zu feiern, haben wir ihre Urne in jenes Grab gebettet, wo seit über zwei Jahrzehnten die Urne ihres Mannes liegt. In den stattlichen Granitstein ist nun auch ihr Name eingemeisselt: Rosmarie. Es war immer ihr Wunsch gewesen, bei ihrem Hermann zu sein, «wenn es dann mal soweit sein sollte», um aber jeweils anzufügen, dass sie schon noch ein Weilchen warten möge.

Im letzten April war es «soweit». Im Pflegeheim zirkulierte das Virus und machte leider keinen Bogen um Tante Rosie. Sie hat noch ein paar Tage im hochfiebrigen Dämmerzustand durchgehalten. Vielleicht hat sie gehofft, dass sie ihre Kinder, ihre Enkel oder Urenkel noch besuchen. Aber es kam niemand. Es war verboten.

Rosie war nicht meine Tante, sondern meine Schwiegermutter. Ich hatte früher ein paar Mal über sie geschrieben, weil es immer einiges zu lachen gab mit und über Tante Rosie. Ich nannte sie in den Texten so, weil «Schwiegermutter» ein etwas negativ behafteter Begriff ist. Es gibt zwar lustige Schwiegermütter-Witze, und das darin vermittelte Bild vom bösen Drachen entspricht laut meinen Informationen da und dort der Realität. Nicht so bei Rosie. Ganz und gar nicht.

Ich habe sie sehr gemocht und sie mich wohl auch, obschon ich einige ihrer Malheurs in der Zeitung ausgebreitet habe. Es gab etwa die Geschichte mit dem nächtlichen Steckenbleiben im Aussenlift, wo Rosmarie im Morgenrock nach dem Gassigehen mit ihrem Dackel Gypsie bei eisiger Temperatur ein paar Stunden ausharren musste, ohne aber Frostbeulen davonzutragen. Es gab die Geschichte mit ihrem Auto, von dem Rosmarie nicht immer wusste, wo genau sie es im Städtchen abgestellt hatte. Aber solange sie nicht fuhr, konnte sie immerhin auch keinen weiteren Parkschaden anrichten.

Rosmarie war eine Frau von Format. Im Berner Oberland aufgewachsen, war sie stolz darauf, als damals einziges «Fräulein» unter lauter Burschen das Gymi absolviert zu haben, mit Latein und sogar Griechisch, weil sie heimlich vom Lehrer schwärmte. Sie mochte schöne Literatur und klassische Musik, allen voran Schubert-Lieder. Sie war die Güte in Person und überaus generös. Wenn wir im «Alpenblick» das geliebte Poulet im Chörbli assen, sagte sie jedes Mal, dass jetzt einmal sie an der Reihe sei mit dem Zahlen. Sie liess sich davon auch nicht abbringen, wenn wir ihr versicherten, dass sie schon die letzten neun Male bezahlt habe. «Domms Züüg», sagte sie und lachte. Ihre Freigiebigkeit hat sie übrigens ihrer mir anvertrauten Tochter vererbt. (Für meinen Geschmack fast etwas zu viel.)

Nur eines mochte sie gar nicht. Nein, zwei Sachen: Zwiebeln und Knoblauch. Und stärkere Vorbehalte hatte sie gegen alles Katholische, nachdem ihr Mann mal eine schöne Stelle nicht gekriegt hatte, weil er nicht den einzig richtigen Glauben hatte. Seither hat sie immer umgeschaltet, wenn am TV der Segen Urbi et Orbi erteilt wurde.

In ihren letzten Jahren hat Rosmarie ein wenig den Überblick verloren. Obwohl man im Heim recht zu ihr schaute, war ihr die Umgebung zuweilen fremd. «Wie söu ou das no wiitergah?!», sagte sie häufig, halb fragend, halb klagend, aber meistens dann doch wieder guter Dinge. Rosemaries «Wie söu ou das no wiitergah?!» ist bei uns zum geflügelten Wort geworden, samt Nachahmung ihres Berner Dialektes. Das Wort passt oft, gerade jetzt. Wie es noch weitergehen wird, weiss ich zwar auch nicht, aber in einem Punkt bin ich sehr zuversichtlich: Auch wenn – es könnte ja sein – sonst nur Katholiken in den Himmel kommen, hat der liebe Gott in ihrem Fall trotz allem beide Augen zugedrückt und ihr Einlass gewährt.