Leserbrief
Schule: Beisammensein ist noch keine Integration

«Wo sind Kinder mit einer Behinderung am besten aufgehoben?», Ausgabe vom 23. Mai

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Es ist für pädagogisch tätige Personen unbestritten, dass die heranwachsenden Kinder in die verschiedenen Formen der menschlichen Gemeinschaft integriert werden sollen. Man kann dieses Ziel auch als ein Menschenrecht bezeichnen. Nur verwechseln die Inklusionspädagogen den Weg mit dem Ziel. Die Behindertenrechtskonvention ist keine heilpädagogische Unterrichtsmethode. Alle schulpflichtigen Kinder einfach Regelklassen zuzuordnen, ist demzufolge auch keine Integration. Integration ist ein Prozess, der für behinderte und schwierige Schüler dauernd oder allenfalls vorübergehend einen besonderen Unterricht erfordert. Dieser kann in Regelklassen nicht optimal angeboten werden, weil dort lernbehinderte Schüler dauernd überfordert sind, verhaltensauffällige ihre Fähigkeiten nicht ausschöpfen können, und die Lehrkräfte auf die besonderen Ansprüche nicht vorbereitet sind.

Der äussere Schein sogenannter Integration trügt. Diese Kinder sind zwar mit dabei, aber sie werden dauernd durch individuelle Förderung aus dem Klassenverband herausgenommen und nicht kontinuierlich darin unterrichtet. Behinderte und schwierige Schüler haben das Recht, in einem Gruppenverband erzogen und unterrichtet zu werden, in welchem sie auch eine Chance haben, erfolgreich zu sein und Lernfreude zu entwickeln. Separation ist nicht einfach schlecht und Integration gut. Beide Lebensformen ergänzen sich sinnvoll. Wenn Schüler einmal in der Gesellschaft integriert sein sollen und sich auch als aufgenommen erleben dürfen, dann sind zur Erreichung dieses Ziels Erziehung zur Gemeinschaft und Erziehung zur Selbstständigkeit gleichwertig wahrzunehmen. Integriert ist nur, wer auch einen gewissen Grad an Selbstständigkeit erworben hat und nicht überall auf Unterstützung angewiesen ist.

Peter Schmid, Dr. phil., Frauenfeld, ehemals Dozent am Heilpädagogischen Seminar Zürich