Leserbrief
Wie man das Gymnasium in eine Kita verwandelt

«Dürrenmatt unter Rassismus-Anklage», Ausgabe vom 16.Dezember

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Wenn Philippe Wampfler Dürrenmatt als Schullektüre boykottieren will, falls der Diogenes Verlag «Die Physiker» nicht für den Schulgebrauch von rassistischen Ausdrücken reinige, dann ist das nicht nur lustig, sondern auch gefährlich. Gefährlich deshalb, weil die Bildung selber zur Disposition steht. In einer Kita müssen die kleinen Kinder zu Recht vor vielerlei Gefahren geschützt werden.

Nun scheint diese Mentalität auf das Gymnasium überzuschwappen. Der Gymnasiallehrer und Fachdidaktiker Wampfler will allen Ernstes Bücher von Ausdrücken reinigen, die heute rassistisch verstanden werden.

Die Sprachrealität der 1950er-Jahre darf in der Schule nicht mehr zum Thema werden, sondern die Schule soll durch die Reinigung von Literatur den Jugendlichen vorlügen, dass zu allen Zeiten gleich gedacht und geschrieben worden ist, dass sich Sprache nicht wandelt, dass nichts, was einmal täglicher Gebrauch war, heute anstössig sein könnte. Dürrenmatt ist schon damals immer wieder aufmüpfig gewesen mit seinen Stücken. Es scheint, dass Dürrenmatt nun endgültig die Zähne gezogen werden sollen. Es gibt in seinen Büchern nämlich nicht nur befremdliche Wörter, die es zu tilgen gilt, sondern auch abscheuliche und lächerliche Charaktere und Kritik an den Überzeugungen des politischen Establishments. Wenn seine Stücke «gereinigt» werden sollen, dann wird dies ein Unterfangen ohne Ende sein.

Wenn wir so unsere Jugendlichen vor «Traumatisierung» schützen wollen, verunmöglichen wir Bildung. Denn Bildung findet durch die Berührung und Auseinandersetzung mit der Realität statt, mit dem was ist und war, mit guten und unguten Entwicklungen, mit Gedanken aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Denkt man Wampflers Gedankenkonstrukt zu Ende, dürfen wir den Jugendlichen bald nicht mehr Shakespeare zumuten, er könnte verstören. In vielen seiner berühmten Theater wird exzessiv gemordet. In «Hamlet» zum Beispiel finden fast alle den Tod: Hamlet, sein Vater, Polonius, Ophelia, Laertes. Ist die Realität einmal getilgt, kann getrost ein Fach kritisches Denken eingeführt werden, in dem Jugendliche im realitätsfreien Raum kritisch denken dürfen.

Stephan Hegglin-Besmer, Zug