Leserbrief
Wir brauchen eine ethische Leitplanke

Zur Streichung von Gott aus der Verfassung

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Der überbordende Individualismus im Westen schafft eine Gesellschaft ohne moralische Schranken. Auch wenn es paradox erscheint: Ein Leben ohne diese Schranken endet in die Unfreiheit, in der Einzelne Macht über alle haben. Die ordnunggebende Funktion der Religion als ethischer Massstab darf nicht unterschätzt werden. Wir brauchen keinen religiösen Fundamentalismus, aber eine ethische Leitplanke, um Despotismus zu verhindern. Ein gottloser Staat ist eine Gefahr für die Demokratie. Dies hat übrigens schon Dostojewski erkannt. Für mich denken alle, die Gott aus der Verfassung streichen wollen, zu eng und verkennen die Funktion religiöser Gedanken als ethische Leitplanken. An welchen Gott – ob persönlich oder unpersönlich – wir glauben, ist übrigens absolut irrelevant. Wichtig ist einzig und allein, dass wir uns nicht im Mittelpunkt von allem stellen. Es genügt, wenn wir merken, dass eine Verfassung eingebettet sein muss in Natur, Würde und Menschlichkeit, sie ist nicht nur von Menschen inspiriert. Ein religiöser Bezug in der Verfassung hat eine reinigende Funktion, mässigt und dient der Freiheit, denn sie verhindert Extremismus. Oder, um mit Hans Magnus Enzensberger zu reden: Gott lässt uns nicht in Ruhe, also weshalb sollen wir ihn in Ruhe lassen.

Michel Ebinger, Rotkreuz