Leserbrief
Zwei Wünsche für 2023

Gedanken zur Arbeit der Redaktion von CH Media

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Fürs 2023 hätte ich zwei Wünsche an die CH Media Redaktion. Der erste Wunsch wäre, dass diese Zeitung wieder eine Integrationsfunktion einnehmen würde. Ich erwarte nicht, dass die Journalistinnen und Journalisten minutiös widerspiegeln, was die Bevölkerung gerade denkt. Im Gegenteil, sie sollen ihren professionellen Vorsprung an recherchiertem Wissen und gesicherten Informationen an uns weitergeben, damit wir angemessen an den öffentlichen Angelegenheiten teilnehmen können. Dies ist in einer direkten Demokratie die Grundlage für gute Entscheide bei Sachfragen wie bei Wahlen. Für das braucht es jedoch Wahrheitstreue, Unabhängigkeit im Denken, Pluralität und eine strikte Trennung von Information und Meinung. Nur so kann diese Zeitung die elementare Integrationsfunktion übernehmen. Und diese übernimmt die CH Media Redaktion bei vielen grossen Themen, die die Öffentlichkeit beschäftigen, viel zu wenig. Dabei gibt es in der Politik nichts, wo es nur Schwarz und Weiss gibt. Und das Problem ist, dass man diejenigen mit einer abweichenden Meinung entweder in der Öffentlichkeit ignoriert oder als Dummköpfe blossstellt. Dabei wird das Privileg missbraucht, dass man als Journalistin oder Journalist immer das letzte Wort hat. Und dies führt dann zu einer Teilung unserer Gesellschaft. Also bitte mehr diskursive Beiträge, wo auch das Umfeld einer Sachfrage ausgeleuchtet wird. Ich möchte informiert und nicht belehrt werden.

Der zweite Wunsch wäre, dass die CH Media mehr als Aktivisten für die Bevölkerung denn als Politaktivisten agieren würde. Es ist schon klar, dass es eine systemische Verflechtung zwischen den Medien und der Politik gibt. Und dass es sehr verlockend ist, nicht mehr nur ein Kontrollorgan der Politik zu sein, sondern die Politik zu Entscheidungen zu treiben. Aber das führt zu schlechter Politik, denn Politik sollte langfristig ausgelegt sein, während die Medien um Aufmerksamkeit buhlen, sprich man muss Erregung kreieren, Probleme müssen personalisiert werden etc. Des Weiteren gibt es niemanden mehr, der die Politikerinnen und Politiker überwacht, solange diese Hand in Hand mit den Medien gehen. Als weiteres Problem sehe ich, dass die Redaktionen Themen besetzen oder auch nicht besetzen, unabhängig von den Interessen der Bevölkerung. Hier wünschte ich mir mehr Nähe zur Mehrheit der Bevölkerung und weniger zu kleinsten, aber gut organisierten Minderheiten. So hoffe ich, dass die redaktionelle Leitlinie, herausgegeben vom Verleger und umgesetzt von den leitenden Redaktoren, ein wenig zu Gunsten der Bevölkerung verschoben wird. Und sonst bleibt ja noch die Hoffnung auf ein paar kritische Journalistinnen und Journalisten, die unabhängig, umfassend möglichst viele diskursive Themen aufnehmen, sodass wir Abonnenten die Artikel wieder mit Interesse lesen und nicht auf die sozialen Medien ausweichen müssen, um uns zu informieren.

Stefan Betschart, Cham