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Andere müssen ihren Raumanspruch zurückschrauben

«Es braucht mehr Strassenkinder», Ausgabe vom 3. November
Arnold Frei, Hagendorn

Ich war ein Strassenkind. 1942 geboren erlebte ich meine Kindheit in den Vierziger- und frühen Fünfzigerjahren. Ich wuchs in Zürich Seebach heran, an einer Strasse mit etwa zehn Miethäusern, insgesamt wohl etwa 60 bis 70 Wohnungen. Die Zweikindfamilie war vorherrschend. Spezielle Kinderspielplätze gab es nicht – war auch nicht nötig, denn die Strasse, die Gärten hinter den Häusern und vor allem ein Wäldchen, vom SBB-Gleis in einer Kurve durchzogen, das war der Spiel-Freiraum für uns Sieben- bis Zwölfjährige. Auf der Strasse spielten wir Völkerball, im Wäldchen lauerten wir als Indianer mit Pfeil und Bogen (selbst gefertigt) den «weissen» Güterzügen auf.

Durch die im Sommer beidseitig offenen Güterwagen schossen wir unsere Pfeile hindurch. «Feindliche» Buben legten wir schon mal an Händen und Füssen gefesselt auf die Gleise und drohten, uns nun für immer zu entfernen. Wir kannten den Fahrplan genau, und die Züge fuhren viel seltener als heute. Die Eltern hätten uns sicher den A ... versohlt, hätten sie davon erfahren. Hatten sie aber nicht. Verlassene Kiesgruben hatten sich in herrliche Teiche verwandelt, in denen wir Bergmolche en masse fingen, nur um sie in einem neuen Teich wieder freizulassen. In den Wipfeln der höchsten Bäume suchten wir uns Astgabelsitze, wo ich mit Vorliebe im Winde hin und her pendelte. Ein grosser, verlassener Bauplatz bot uns Holz und Backsteine im Überfluss. Hinter Mauern verschanzt fochten wir Schlachten aus, schleuderten mit elastischen Rütlein Dreckklümpchen gegen Richter Rüdins Haus. Gegen die Kinder einer andern Strasse zogen wir gelegentlich «in den Krieg» – und natürlich gab es dabei schon mal blaue Flecken, blutende Finger oder Knie. Und für die zerrissene Hose erhielt ich dann zu Hause noch eins hintendrauf.

Kein Erwachsener war bei unseren Spielen im Freien dabei, niemand beaufsichtigte uns. An unserer Strasse gab es zwei Privatautos: eins für einen Vertreter (meist also weg), das andere meist in der Garage. Übrigens: 1936 zählte man in der ganzen Schweiz um die 65000 Personenwagen. Im Krieg waren es wohl noch weniger. Als meine Familie 1956 nach Zürich Schwamendingen in eine Genossenschaftswohnung umzog, waren die Wohnblöcke dort grosszügig von Grünflächen umgeben – an Parkplätze und Garagen dachte niemand. Spielzeug: Erst nach dem Krieg tauchten die ersten Kunststoffspielzeuge in den Warenhäusern auf. Draussen tat es ein Ball, wurden Glasmurmeln verspielt, auf Holzstelzen (Vaters Schöpfung) liefen wir um die Wette. Kein Fernsehen, keine Games, keine Handy-Überwachung, dafür wie im Artikel zwischengetitelt: « Der öffentliche Raum war unser Abenteuerspielplatz.»

Und heute: Doppelt so viele Einwohner in der Schweiz; der individuelle Wohnraumanspruch gewaltig angestiegen; teuer gepflegte Grünumgebungen; viel mehr ängstliche «Helikopter-Eltern»; der Autoverkehr ist längst zum Moloch geworden. Ganz zu schweigen von all den schulischen und ausserschulischen Zusatzangeboten für Agenda-bewehrte Schüler (und prestigesüchtige Eltern).

Und da soll es wieder «mehr Strassenkinder» geben? Sollen Kinder wirklich mehr öffentliche Freiräume für ihr Spiel erhalten, müssen «andere» ihre Raumansprüche zurückschrauben. Und wer sind die «anderen»? Wir.

Arnold Frei, Hagendorn

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