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Leserbrief

«Eine Diskussion in gegenseitigem Respekt und Offenheit»

Zur Meinungsbildung in der heutigen Zeit

Am Sonntag, 21. Oktober, trafen sich überall in der Schweiz Diskussionspartner mit politisch gegensätzlicher Meinung. Registriert haben sich schweizweit knapp 4500 Interessenten, welche dann ein Rechner nach bestimmten Algorithmen zusammenbrachte: möglichst gegensätzliche Meinung, nicht zu weit auseinanderwohnend. Welcher Neugierige, politisch Interessierte möchte da nicht dabei sein. Ich war es und meine einzige Enttäuschung: das doch relativ geringe allgemeine Interesse. Aber alles Bedeutende begann mal klein. Bedeutend, ja was denn? Stammtisch und Vereinsleben als soziale Komponente, sonntäglicher Kirchenbesuch und anschliessender Treff, Stammbeiz – alles Vergangenheit. Sage mir da einer, wo denn heute der Austausch unter Mitbürgern – in einer direkten Demokratie wohlverstanden – noch stattfinden soll. Aha, über Fernsehen, Radio, bei Talkshows und so weiter – alles Manipulationsvorgänge, und der Konsument merkt schnell nicht mehr, dass es nicht seine eigene Meinung ist, die er danach vertritt, sondern jene des gewieften Redners, politischen Gurus oder sonst eines mehr oder weniger integren Vordenkers, Dummkopfs oder Schlitzohrs? Wohin solches in einer Staatsführung langfristig führen mag, wäre eine genauere Studie wert. Die Schweiz spricht (kurz DSS genannt) könnte der Ansatz zu einer Korrektur solcher staatsbürgerlichen doch eher pathologischen Meinungsbildung sein. Soziale Netzwerke wie Facebook oder ähnliche sind dazu nur bedingt geeignet. Das darf ich nach zehnjähriger intensiver Nutzung wohl behaupten. Zu schnell wird da ein Statement als Glaubenssatz resorbiert, der Bekenner in diese oder jene Ecke gestellt und etikettiert. Ein Diskurs kommt gar nicht auf, Nachfrage im Sturm der Meinungen nicht getätigt, und zu oft endet alles in Streit und Beleidigungen. Gewonnen hat allein verfestigte Sturheit.

Ganz anders bei DSS, gemäss meiner Erfahrung: Eine junge, attraktive ETH-Studentin mit gegensätzlicher politischer Haltung zu meiner wurde mir von der Maschine zugeteilt. Verunsichert stellte ich ihr per Whatsapp frei, zu verzichten – in der Meinung: Was kann sich eine junge Frau um politische Ansichten eines Opas interessieren! Doch, doch, genau das würde sie, mit Jungen komme sie genug zusammen. Es war meine erste positive Meinungskorrektur. Ich traf auf eine sehr interessierte, politisch bewanderte und zudem ausserordentlich gute Zuhörerin, die ihre Ansicht mit Verve und guter Begründung vortrug. Einiges floss gar schnell in meine Überlegungen ein – kurz eine Diskussion in gegenseitigem Respekt und in Offenheit. Diese Haltung gipfelte in einer gegen den Schluss fallenden Aussage von ihr: «Du (ihr Alten, wie ich für mich übersetzte) bist gar nicht so stur, wie ich mir das dachte.»

Dass mein Haltungsumschwung gegenüber den Jungen – meine Gesprächspartnerin nahm ich als repräsentativ – ähnlich einzuordnen war, stufe ich gerne als Höhepunkt dieser Disputation ein, die es auch war: ein Streitgespräch, aber mit Format und gegenseitigem Respekt. Nur über Dialektik findet sich die Nähe zur Wahrheit, und ich wünsche diesem Experiment DSS mehr Bekanntheit und höhere Dichte als nur gerade mal einmal jährlich. Wäre da nicht Stoff, gerade für Printmedien – irgendeine Art moderner Stammbeiz?

Hans Arnold, Rotkreuz

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