Gastkommentar

«Schokokuss klingt nach Souveränitätsverlust»: Patti Basler über die Rassismusdebatte

Gastkommentatorin und Kabarettistin Patti Basler über unseren Sprachgebrauch und warum es nicht rassistisch ist, wenn wir nicht «Schokokuss» sagen wollen.

Patti Basler
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Patti Basler ist Kabarettistin und studierte Erziehungswissenschafterin. Patti Basler spielt am 4. Juli, abendfüllend im Casino Bern mit Philippe Kuhn und Lisa Christ am Aerosol-Comedy-Festival.

Patti Basler ist Kabarettistin und studierte Erziehungswissenschafterin. Patti Basler spielt am 4. Juli, abendfüllend im Casino Bern mit Philippe Kuhn und Lisa Christ am
Aerosol-Comedy-Festival.

visualmoment/Tibor Nad

Dass wir seit Wochen über diskriminierende Bezeichnungen von Süssigkeiten sprechen, ist eine reine Wohlstandserscheinung. Wir im Aargau lieben sie einfach, die Waltenschwiler Schoggi-Spezialitäten: Kirsch-Stängeli, Vanille-Truffes, Vieille-Prune-Kugeln, Whiskey-Würfel. Da ist drin, was auf dem Etikett draufsteht.

Und dass wir das Wort Schokokuss nicht über die Lippen bringen, hat nichts mit Rassismus zu tun. Schokokuss klingt nach Reve, Aldi und Edeka. Schokokuss klingt nach Souveränitätsverlust und schon sehr, sehr nach Deutschland. Dass wir unsere Lieblingsspeise nicht Schokokuss nennen wollen, ist nicht rassistisch. Es ist nur ganz alltäglich deutschlandfeindlich.

Wir wollen uns doch nicht von den Deutschen vorschreiben lassen, wie wir zu reden haben! Der grosse Kanton hat uns bereits das eidgenössische Maul verboten und einen Mund daraus gemacht. Wir wurden vom helvetischen Ross geholt und aufs deutsche Pferd gesetzt.

Zwar gehen wir vom Aargau auch ins Deutsche einkaufen, allerdings aus reiner Wohltätigkeit. Wir möchten Hilfe vor Ort leisten, damit keine deutschen Wirtschaftsflüchtlinge in die Schweiz kommen: Sauschwaben. Deshalb bekommen wir auch die Mehrwertsteuer zurück an der Grenze. Entwicklungshilfe ist steuerfrei.

Da halten wir es mit unserem Vorbild Nestlé, welches dem Bundesrat jetzt hilft bei der Entwicklungszusammenarbeit. Es gräbt in Afrika den Menschen das Wasser ab und verkauft es teuer. Immerhin ist es sauber und sterilisiert, nicht wie damals, als Nestlé den Drittweltländern Milchpulver unterjubelte, das mit verschmutztem Wasser gemischt wurde und zu einem Säuglingssterben führte. So können die Afrikaner den Kapitalismus lernen und das Wasser ist politisch korrekt etikettiert mit «pure Life», das pure Leben eben. Der CEO von Nestlé ist übrigens Deutscher.

Genau wie der neue Zoodirektor in Zürich. Da macht sich ein Alt-Nationalrat zu Recht Sorgen, nicht dass ein Schweizer Buure-Zmörgeli noch durch ein teutonisches Landwirte-Frühstück ersetzt wird. Mörgeli moniert, dass der neue Deutsche gekommen sei, «um zu bleiben». Christoph Mörgeli hat als Historiker Beispiele, wie es gehen kann, wenn Deutsche in ein anderes Land einwandern, um zu bleiben. Tatsächlich könnten deren Nachkommen Macht gewinnen und den politischen Sprachgebrauch prägen. Die besten Beispiele dafür sind die Blochers und die Trumps. Grab them by the Meitschibei!

Vielleicht möchte Mörgeli aber einfach selber wieder Direktor werden. Die Tiere könnte man in grossen Einmachgläsern konservieren, wie damals in seinem medizinhistorischen Museum die missgebildeten Embryonen. Rhinozeros im Rizinus, Tapir im Terpentin, sauber etikettiert mit Herkunft, Rasse, Klasse, Unterklasse, eingelegt wie eine Vieille Prune im Spiritus. Und Christoph wäre unser Spiritus Rector.

Denn Konservieren, das kann er, Altes erhalten, alte Exponate, alte Rituale, alte Sprache. Steuerfinanzierte Staatsgeldbezüger, wie er es war, seien ja nicht sehr innovativ, hört man. Dafür seien wir Unternehmerinnen und KMU zuständig.

Dabei wird gerade jetzt alles neu, und zwar staatlich verordnet:

  • An Demonstrationen herrscht Vermummungspflicht.
  • An Schulen herrscht Handschlagverbot.
  • Statt der gutschweizerischen 4 Meter sollen wir plötzlich nur noch 1,5 Meter Abstand wahren.

Nur der Sprachgebrauch wird nicht staatlich reglementiert. Keine Sprechverbote, kein Moralzwang, keine verordnete political Correctness. Jedes Unternehmen darf sich selbst ein moralisches Etikett umhängen.
Denn über diskriminierende Lebensmittelbezeichnungen zu sprechen, ist tatsächlich eine Wohlstandserscheinung.
Es nicht zu tun, ist ein Armutszeugnis.

Gruss und Chocolat-Kuss

von Patti, dem inkarnierten Aargauer Braten
(= Alte Zwetschge im Speckmantel)

Patti Basler spielt am 4. Juli, abendfüllend im Casino Bern mit Philippe Kuhn und Lisa Christ
Aerosol-Comedy-Festival
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