Pro & Contra

Nach der erfolgreichen Mission von SpaceX: Brauchen wir überhaupt bemannte Raumflüge?

Zum ersten Mal seit zehn Jahren sind wieder Astronauten aus den USA in den Orbit geflogen. Doch ist das noch zeitgemäss? Unsere Redaktoren streiten sich, ob die bemannte Raumfahrt sinnvoll ist.

Raffael Schuppisser/Niklaus Salzmann
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Die beiden Astronauten Bob Behnken und Doug Hurley auf dem Weg ins Weltall.

Die beiden Astronauten Bob Behnken und Doug Hurley auf dem Weg ins Weltall.

AP

PRO von Raffael Schuppisser: «Eine Zivilisation, die sich nicht ausbreiten will, geht ein»

Raffael Schuppisser

Raffael Schuppisser

Bild: Sandra Ardizzone

Christoph Kolumbus hätte Amerika nicht entdeckt, wenn er bloss eine Flaschenpost losgeschickt hätte. Als Abenteurer war es für ihn klar, dass es er mit Schiffen in See stechen musst, um zu erfahren, was sich hinter dem Horizont befindet.

Der Entdeckerdrang gehört zur Natur des Menschen. Wer ihn nicht mehr lebt, der verödet geistig. Wer sich bloss mit Eindrücken auf Fotos zufrieden gibt, und nicht vor Ort sein will, der verpasst das Wesentliche. Reisen ist buchstäblich eine Horizonterweiterung. Was für den einzelnen Menschen gilt, das trifft auch auf die Menschheit zu. Eine Zivilisation, die sich nicht ausbreiten will, geht ein.

Bisher haben wir uns in unserem Sonnensystem erst auf den Mond begeben. Doch der Mars liegt in Reichweite. Klar, das kostet viel Geld und braucht Zeit. Wer behauptet, diese Ressourcen könnten anders besser verwendet werden, etwa um die Klimakrise zu lösen, der liegt einem Denkfehler auf.

Wenn wir nicht mehr in die Raumfahrt investieren, werden nicht einfach Gelder für andere Felder frei. Schliesslich leben wir in einem komplexen System mit heterogenen wirtschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Interessen und haben (zum Glück) keine globale diktatorische Planwirtschaft. Erfreulich ist, dass die Raumfahrt nicht mehr nur staatliches Geld verschlingt, sondern vermehrt private Unternehmer wie Elon Musk oder Jeff Bezos ihre Milliarden hineinstecken.

Ausserdem führt der Forscherdrang manchmal auch zu unerwarteten Bereicherungen. Aus der bemanntenRaumfahrttechnologie sind zahlreiche nützliche Entwicklungen entstanden – nicht nur der Instantkaffee und die Babynahrung. Und es gibt noch einen anderen praktischen Grund, warum wir uns im Universum ausbreiten sollten: Spätestens in 4 Milliarden Jahre wird die Erde verglühen. Will die Menschheit überleben, muss sie bis dann eine Heimat ausserhalb unseres Sonnensystems finden. Ob das funktioniert, weiss niemand. Es nicht zu versuchen, wäre aber kollektiver Selbstmord.

CONTRA von Niklaus Salzmann: «Ein tödliches Experiment mit Menschen»

Niklaus Salzmann.

Niklaus Salzmann.

Sandra Ardizzone / INL

Nun hat also wieder eine Rakete mit zwei Personen an Bord von der Erde abgehoben. Ziel ist die Raumstation ISS, die seit zwanzig Jahren permanent bewohnt ist. Wozu? In erster Linie geht es um Forschung. Und dabei werden nicht nur ferne Himmelskörper untersucht, sondern auch das Klima der Erde oder Krankheiten wie Muskelschwund. Das ist zweifellos nützlich. Die Frage ist nur: zu welchem Preis?

Die Raumstation ISS hat Schätzungen zufolge bereits weit über 100 Milliarden Dollar verschlungen. Mit diesen Mitteln hätte sich für dieselbe Zeitperiode eine ganze Hochschule finanzieren lassen. An praktischem Nutzen für die Menschheit käme dabei einiges mehr raus als bei den Experimenten einer Handvoll Astronauten.

Selbst wenn Raketenstarts dank Elon Musk in neuster Zeit etwas günstiger geworden sind: Es ist nicht so, dass der Multimilliardär die Raumfahrt finanziert. Vielmehr fliessen via Nasa Unsummen öffentlicher Gelder an seine Firma Space X.

Doch angeblich geht es um weit mehr als materielle Motive. Die Raumstation ISS dient angeblich der Völkerverständigung. In der Weite des Weltraums sollen irdische Konflikte vergessen gehen. Der Beweis: Im Jahr 1975, mitten im Kalten Krieg, gaben sich ein sowjetischer Kosmonaut und ein US-amerikanischer Astronaut im All die Hand. Ein schönes Bild. Der Kalte Krieg dauerte dann trotzdem noch 14 Jahre an.

Tatsächlich geht es nicht um Völkerverständigung, sondern um Machtdemonstration. Genau deshalb war ja der Raketenstart so wichtig: Weil die USA eben gerade nicht mehr auf die Kooperation mit einer verfeindeten Macht angewiesen war.

Der Preis dieses Kräftemessens lässt sich nicht allein in Dollar erfassen. Von den 575 in Wikipedia aufgelisteten Raumfahrern sind 23 bei Missionen oder Vorbereitungen dazu gestorben. Die bemannte Raumfahrt ist ein Experiment mit Menschen, von denen jeder fünfundzwanzigste ums Leben kam. Wir schaffen im All eher Friedhöfe als eine Arche Noah. Wenn uns wirklich an der Menschheit gelegen ist, lassen wir Raketen nur noch unbemannt ins All steigen.

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