Kolumne

Nur ein «würdiges und alterprobtes Drehbuch»?

Die unterschätzte Bedeutung der kirchlichen Trauerfeier.

Frank Worbs
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Frank Worbs ist Pfarrer und Informationsbeauftragter der Reformierten Landeskirche Aargau

Frank Worbs ist Pfarrer und Informationsbeauftragter der Reformierten Landeskirche Aargau

Kann man wirklich das Leben eines Verstorbenen bei einem Bier in seiner Lieblingskneipe würdigen und dafür auf die kirchliche Abdankung verzichten, wie CH-Media-Autor Gregory Remez ider Zeitung vom 21. Februar vorgeschlagen hat? Das Leben jedes Menschen hat mehr Dimensionen zu bieten und zu würdigen, als das, was er oder sie am Stammtisch von sich preisgab. Der gesellige Teil in der Stammbeiz ist durchaus wichtig, sollte aber die Abdankung in der Kirche nur ergänzen, nicht ersetzen.

Um die Würdigung des Lebens, die Erinnerungen an den verstorbenen Menschen, die Trauer und die Anteilnahme mit den Angehörigen geht es in der kirchlichen Abdankung, und nicht zuletzt um das Einordnen seines Todes in einen grösseren Zusammenhang. Das «würdige und alterprobte Drehbuch», wie der Verfasser immerhin zugesteht, schafft dafür einen angemessenen Rahmen, der sowohl Angehörige als auch fern Stehende zu einem wichtigen gemeinsamen Ritual einlädt.

«Zivile Trauerfeiern», wie vom Verfasser gewünscht, sind schon längst möglich, und trotzdem wünschen oft auch Angehörige von Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, den Abschied in der Kirche. Das «würdige und alterprobte Drehbuch» gibt offensichtlich Halt in einer schwierigen Zeit. Es bietet einen Raum für Trauer, Erinnerungen und Anteilnahme für die Angehörigen und ihr soziales Umfeld, dessen Bedeutung oft unterschätzt wird. In der Kirche können sich alle treffen, denen der Verstorbene etwas bedeutet hat. In der Stammbeiz oder einem anderen Lokal ist das nicht möglich. Auch die immer häufigere Feier im «engsten Familienkreis» schliesst all die anderen aus, die mit dem Verstorbenen verbunden waren oder ein Stück Lebensweg mit ihm gegangen sind. Vor allem diesen etwas ferner stehenden Menschen fällt es leichter, nach der gemeinsam erlebten Abschiedsfeier den Hinterbliebenen im Alltag wieder zu begegnen. Man muss nicht weiter nach Worten suchen für die Betroffenheit. Man kann an die geteilten Emotionen und Worte des Gottesdienstes anknüpfen. Gemeinsam Abschied nehmen in einem bewährten Rahmen öffnet den weiteren gemeinsamen Weg.

Angesichts des Todes und der Trauer empfinden viele Menschen das Bedürfnis, das Erlebte nicht nur emotional, sondern auch spirituell zu verarbeiten. Dazu gehört einerseits ein sorgfältig gestalteter Lebenslauf, der nicht leichtfertig weggelassen werden sollte. Auch wenn man unsicher ist, was man sagen kann und was nicht, ist doch schon das Nachdenken über das Leben des Verstorbenen eine Würdigung, die ihren wichtigen Platz in der Abdankung hat.

Aber das «würdige und alterprobte Drehbuch», die sorgfältig gestaltete gottesdienstliche Feier, kann noch mehr, weil sie nach der tieferen Bedeutung des individuellen Lebens und Schicksals fragt. Es nimmt Menschen mit auf einen kurzen, aber bewährten Weg des geistlichen Umgangs mit der Begrenztheit menschlichen Lebens. Gerade das von Gregory Remez angesprochene «Vater-unser»-Gebet ist das einzige Gebet, das alle Christinnen und Christen aller Zeiten und Orte verbindet, Fromme genauso wie solche, die «schon irgendwie glauben». Es öffnet die Tür zum Gebet auch für jene, die damit nicht vertraut sind, und verbindet sie mit jenen, die dieses Gebet täglich mit sich tragen.

Die christliche Botschaft hat sehr viel Tröstendes und Verbindendes zum Thema Tod zu sagen, ohne den Tod zu banalisieren. Und mit dem "Amen" in der Kirche ist nicht einfach Schluss, denn die seelsorgerliche Begleitung in der Trauer gehört zu den wichtigsten Leistungen der Kirche und wird oft auch von Angehörigen geschätzt, die vor dem Todesfall wenig Kontakt zur Kirche pflegten.

Nichts gegen die Stammbeiz als Ort der Erinnerung, aber am besten wirkt die Tradition des gemeinsamen Essens und Trinkens erst nach der Abdankung, wenn nach tränenreichen Erinnerungen oft auch gelacht wird, wenn die eine oder andere Anekdote zum Vorschein kommt. Ja, dafür gibt es wohl keinen besseren Ort als die Stammbeiz des Verstorbenen.