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Kolumne

Nur kein Widerspruch!

Kolumnistin und Rechtsanwältin Monika Roth zum Gebaren vor allem männlicher Führungskräfte.
Monika Roth
Monika Roth.

Monika Roth.

Vor zehn Jahren, im Herbst 2008, war die Finanzwelt in Aufruhr. Am 15. September 2008 war die US-Bank Lehman Brothers pleitegegangen, und dies war der Start einer grossen Finanzkrise. Drei Wochen danach betrugen die Wertverluste an den Börsen schon mehr als 20 Billionen US-Dollar. Am
5. Oktober 2008 traten die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr damaliger Finanzminister Peer Steinbrück, den der Schweizer Finanzplatz später näher kennen lernen sollte, zusammen auf und garantierten den verunsicherten Deutschen im Fernsehen die Sicherheit aller Spareinlagen. Am 16. Oktober 2008 retteten Bund und Nationalbank die UBS mit 68 Milliarden Franken.

Wenn ich einen von ihnen finde, werde ich ihm das Herz herausreissen und es vor seinen Augen essen, während er noch lebt.

Wie konnte das nur geschehen, und wer ist eigentlich schuld? Was man sicher weiss, ist, dass diejenigen, die in der Verantwortung standen, kaum Konsequenzen zu befürchten hatten. Den meisten geht es ausgezeichnet. So auch dem CEO von Lehman Brothers, Dick Fuld, der in den Jahren zuvor eine halbe Milliarde Dollar verdient hatte – er leitet heute eine Beraterfirma. Im Zusammenhang mit dieser Krise und sonstigen Skandalen in und um Unternehmen fragt sich, ja gab es denn niemanden, der zum Beispiel dem überbordenden CEO oder VR-Präsidenten (das alles betrifft auch Frauen) mal widersprochen hat? Zum Beispiel bei Lehman dem CEO Fuld, der sich wie ein Master of the Universe gebärdete? Sein früherer Kommunikationschef hat ihn als Paradebeispiel für einen allmächtigen Chef bezeichnet, dessen Kommunikationsstil furchteinflössend war. Fuld führte ein aggressives Mundwerk, um es auf den Punkt zu bringen. So soll er bei einer Rede vor Mitarbeitern seinen Konkurrenten gedroht haben: «Wenn ich einen von ihnen finde, werde ich ihm das Herz herausreissen und es vor seinen Augen essen, während er noch lebt.» Fuld umgab sich, so wiederum sein Kommunikationschef, der Lehman kurz vor dem Crash verlassen hat, mit Jasagern. Es sei zugegangen wie in einem mittelalterlichen Hof – kaum jemand habe ihm widersprochen. Wer es tat und sich ihm nicht fügte, der wurde entlassen. Alle fürchteten ihn; so festigte und sicherte er sich seine Macht.

Warum Lehman fallengelassen wurde, ist noch immer unklar. Peer Steinbrück meinte dazu, die Amerikaner hätten ein Exempel statuieren wollen, indem sie eine Bank untergehen liessen, die sich verzockt hatte. Dies gemäss dem chinesischen Sprichwort: «Wenn du die Affen warnen willst, schlachte ein Huhn.» Lehman war das Huhn. Die Affen waren die Zocker. Allerdings sind noch immer viele Affen uneingeschränkt unterwegs. Steinbrück spricht von «testosterongesteuerten Jungbankern männlicher Provenienz» und von «ehrgeizigen Egomanen, auch unter weiblichen Bankern». Sie haben, wie sie gut wissen, nicht viel zu befürchten, weil erstens vielen der Mut fehlt, laut zu sagen, was sie denken, und weil sie zweitens keine Konsequenzen zu tragen haben. Um in der Tierwelt zu bleiben: Man hat seine Schäfchen im Trockenen und vielleicht auch schon ins Gehege der Ehefrau/des Ehemannes verschoben, sodass der böse Wolf Mühe hat, an sie heranzukommen. Erfolg erzeugt Macht, und Macht erstickt Widerspruch. Wer nicht spurt, der wird entsorgt.

Wissen Sie, wie das in weniger netten Kreisen zugeht? Eine wahre Geschichte: Herr X hat ein kleines Unternehmen, verdient gut und leiht seinen Landsleuten grosszügig Geld. Die Kredite gewährt er ohne schriftlichen Vertrag, aber selbstverständlich weiss Herr X, wem er was gegeben hat. Diejenigen, die Geld erhalten haben, zahlen nicht immer zurück, aus welchen Gründen auch immer. Und was heisst das für X? Wenn einer von diesen Leuten den Kredit nicht zurückzahlt und X das Geld auch nicht zurückholen kann, dann erkennen seine Landsleute und vor allem seine anderen Kreditnehmer, dass er keine Macht hat. Dann geht es so, dass auch viele andere nicht zurückzahlen werden, weil dies ohne Folgen bleibt. Das kann und will X nicht riskieren. Die einzige Möglichkeit für X ist, dass er für alle klar sichtbar und eindrücklich beweist, dass derjenige, der Kredit von ihm nimmt und diesen nicht zurückzahlt, den Preis für sein Verhalten bezahlt. X tut dies, indem er ihn bestraft, konkreter – indem er ihn zusammenschlagen lässt. Dann sehen nämlich alle anderen, dass er Macht hat, und sie verstehen: Wer nicht bezahlt, der wird zusammengeschlagen (und gezwungen, seine Schuld zu tilgen, will er nicht Schlimmeres gewärtigen). Die Gemeinsamkeiten hinsichtlich Macht und Dominanz sind offenkundig – ein Klima der Angst hie wie da.

Monika Roth ist Rechtsanwältin und Professorin an der Hochschule Luzern.

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