Kommentar

Pflegefinanzierung: Heime sind keine Industriehallen

Wegen Stress und körperlichen Beschwerden flüchten viele Pflegende aus ihrem Beruf.  Politiker müssen realisieren, dass sie die Alterspflege nicht beliebig auf Effizienz trimmen können.

Michael Genova
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Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Michael Genova

Michael Genova

Fast die Hälfte der Pflegenden will ihren Beruf vor der Pensionierung aufgeben. 72 Prozent geben an, dass sie als Folge ihrer Arbeit unter körperlichen Beschwerden leiden. Und 92 Prozent der Befragten warnen davor, dass durch Spardruck und Personalmangel die Qualität der Pflege leide. Die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage der Gewerkschaft Unia sind alarmierend.

Die Zahlen verdeutlichen, wie prekär die Arbeitsbedingungen in der Langzeitpflege sind. Und sie bestätigten im Kern die Forderungen der zurzeit hängigen Pflege-Initiative. Diese will den Pflegeberuf aufwerten: mehr staatliche Mittel für die Weiterbildung und bessere Arbeitsbedingungen, damit das Personal länger im Beruf bleibt. Nur so könnte die Politik einen Pflegenotstand abwenden. Trotzdem lehnt der Bundesrat die Initiative ohne Gegenvorschlag ab. Das ist unverständlich.

Besonders stark belastet ist das Personal auf der untersten Hierarchiestufe: die Pflegehelferinnen und Pflegeassistentinnen. Obwohl sie die Hauptlast der Pflegearbeit tragen, verdienen sie oft so wenig, dass es kaum zum Leben reicht. Zwar suchen die Heime in der Ostschweiz vor allem Pflegende mit einer höheren Fachausbildung. Doch auch Pflegehelferinnen sollten einen besseren Zugang zu Weiterbildungen erhalten, damit sie nicht in einer beruflichen Sackgasse landen. Es läge im Eigeninteresse der Pflegebranche und der Politik, hier die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Der Handlungsspielraum der Heime ist allerdings begrenzt. Sie reichen den steigenden Kostendruck einfach an ihre Mitarbeiter weiter – und an die Heimbewohner. Die tieferen Ursachen für die heutige Misere sind in der neuen Pflegefinanzierung zu suchen, die im Jahr 2011 eingeführt wurde. Seitdem wären Kantone und Gemeinden eigentlich verpflichtet, ungedeckte Pflegekosten zu übernehmen. Doch stattdessen versuchen sie, ihre Ausgaben zu minimieren. Erst kürzlich hat das Bundesgericht den Kanton St. Gallen dafür gerügt.

Durch ihre harte Haltung verstärken die Kantone den Kostendruck in der Pflege. Dabei vergessen sie, dass es neben Effizienz noch ein anderes Kriterium gibt: die Pflegequalität. Pflegeheime sind keine Industriehallen mit Fliessbändern. Man kann die Alterspflege nicht beliebig auf Effizienz trimmen. Nur wenn die Pflegenden genügend Zeit haben, fühlen sich die Betagten wohl. Angesichts der alternden Gesellschaft sollten Politikerinnen und Politiker deshalb schleunigst eine neue Grundlage für die Pflege­finanzierung schaffen. Und sich dabei fragen, wie sie selber im Alter betreut werden wollen.